Kai Meyer: Die Bücher, der Junge und die Nacht

Ein pageturner aus Leipzig!

Wie so oft bei Meyer geht es um Bücher, Bücher, Bücher…..Dieses Mal in einer spannenden Geschichte aus dem im Inferno des 2. Weltkriegs untergegangenen Graphischen Viertel in Leipzig.

Die Geschichte spielt in den Jahren 1933/34, 1943 und 1971.

Sie beginnt 1943 mit der Befreiung des zehnjährigen Robert aus seiner lebenslangen Gefangenschaft in einem mit Bücher vollgestopften Zimmer. Ein unbekannter, sich Mercurio nennender Maskenmann rettet ihn aus einer der schlimmsten Bombennächte Leipzigs, setzt ihn im darauffolgenden Jahr, das sie immer in kurz vor der Bombardierung stehende Städte führt, für seine Zwecke ein, wird aber dennoch für Robert zu einer Art Ersatzvater.

Jacob Steinfeld, Roberts Vater, der nie wußte, dass er einen Sohn hatte, treffen wir im Jahre 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers. Jacob, ein berühmter Buchbinder und kleiner Buchhändler, gerät zusammen mit seinem russischen, jüdischen Freund Grigori nicht nur in Probleme mit seinem großindustriellen Nachbarn Pallandt, der ihn aus seiner Buchhandlung Montecristo vertreiben will, sondern auch mit den Schlägertrupps der NAZI-SA.

Juliane, die jüngste Tochter Pallandts, wendet sich an Jacob, um ein von ihr geschriebenes Buch, das „Alphabet des Schlafs“, binden zu lassen, das sie geschrieben hat, um sich von ihrer mehr als eigenartigen Familie zu befreien. Ihre Schwester Mena läuft eher neben der Spur, da sie sehr jung den psychodelischen Experimenten ihrer esoterischen Mutter, einer engen Freundin Himmlers, ausgesetzt wurde. Ihr Bruder Maximilian, ohne eigene Überzeugungen oder Charakter, biedert sich den Nazis an.

Jacob will zunächst mit niemandem aus der Pallandt-Familie etwas zu tun haben, Juli und er kommen sich jedoch näher, kurz drauf verschwindet Juli spurlos. Jacob kann allerdings ihr Buch retten und bindet es.

Jacob übersteht diese NAZI-Jahre als aufrechter Anti-Nazi, stirbt aber in der gleichen Nacht in den Trümmern seiner zerbombten Buchhandlung, in der sein ihm unbekannter Sohn aus seinem Gefängnis befreit wird.

Maximilian wird 1971 Alleinerbe seines verhassten Vaters und beauftragt Marie, eine Freundin Roberts, mit dem Verkauf der immensen Bibliothek. Dabei entdeckt Marie mehrere Hundert der berühmten Steinfeld – Buchbindungen. Erstaunlicherweise stammen viele aber aus der Zeit nach Jacobs Tod.

Nun beginnt die Suche der beiden nach den Hintergründen.

Diese Suche führt sie in die deutsche Nazi-Vergangenheit, aber auch in die DDR-Gegenwart des Jahres 1971 und quer durch den europäischen Kontinent. Vor allem aber führt sie Robert in seine ihm bis dahin unbekannte eigene Vergangenheit und Herkunft. Seine Geburt in einem der „Lebensborn“-Heime der Nazis, sein Aufwachsen bei einer Pflegemutter sind dabei nur einige der zunächst verstörenden Entdeckungen.

Julias Buch, aber auch das von Vielen mit allen Mitteln gesuchte Buch „König im Exil oder die Verfemung des Junkers Voland“ werden zum Dreh-und Angelpunkt des Geschehens.

Auch wenn man recht schnell vermutet, wer die Mutter von Robert war, es bleiben noch genügend Volten und Spannungsmomente.

Schritt für Schritt entwirren Robert und Marie eine ebenso komplexe wie phantastische Geschichte von Freundschaft, Liebe, Haltung in schwierigen Zeiten, Aussöhnung mit der jeweiligen Lebensgeschichte, einer grenzenlosen Bücherleidenschaft, aber auch von Verlorenheit, Einsamkeit, Verbohrtheit, Verrat, Mord und Fanatismus.

Man hat über lange Strecken des Buches den Eindruck, dass alle Handelnden nie so ganz verschwinden, sondern urplötzlich wieder auftauchen. Der Roman ist auch eine Geschichte sich immer wieder kreuzender Lebensläufe. Dabei kommt vermeintlichen Nebenfiguren ganz plötzlich eine besondere, berührende Rolle zu. Dies gilt beispielsweise für Rosalie, Tochter eines gewalttätigen Polizisten und späteren SA-Schergen, der sie misshandelt hatte und dem Jacob daraufhin die Nase brach, was ihm mehrere Monate Gefängnis einbrachte. Nachdem ihr Vater ums Leben kommt, wie, soll nicht verraten werden, zieht Jacob Steinfeld sie auf. Rosalie trifft Robert 1971 in Leipzig. Von ihr erfährt er aus erster Hand mehr, und vor allem viel Positives über seinen nie gekannten Vater.

Nur Juli scheint keine Spuren hinterlassen zu haben. Aber auch sie taucht zum Schluss an absolut unerwarteter Stelle wieder auf und findet zur Ruhe.

Gekonnt verknüpft Meyer die drei Zeitebenen und thematisiert nicht nur die Nazizeit, sondern auch die deutsche Teilung und die horrenden Seiten des Überwachungsstaats DDR sowie die 70er Jahre der Bundesrepublik.

Meyer vermischt historische Begebenheiten mit Fiktion und phantastischen Einsprengseln, die die Geschichte als solche aber dennoch nie als völlig unglaubwürdig erscheinen lassen. Nicht zuletzt wird aus zum Teil sehr detaillierten Schilderungen das berühmte Graphische Viertel der Buch-Stadt Leipzig aus den historischen Trümmern vor dem geistige Auge wieder lebendig und man ahnt, was damit für immer verlorengegangen ist.

Ich bin regelmäßig und sehr gerne in Leipzig, aber nach diesem Buch, das auch Anregungen zu neuen Stadterkundungen gibt wie dem ehemaligen Johannisfriedhof u.v.a m., werde ich künftig nicht mehr durch die Altstadt, das ehemalige Graphische Viertel und die Grimmaische Straße gehen, ohne an Jacob, Juli und ihr verstecktes Dachgeschoßzimmer, Grigori und Robert denken zu können. Mehr kann man, von der Spannung vom Lesen selbst abgesehen, von einem Buch nicht erwarten.

Das „Antiquariat am alten Friedhof“  und „Das Haus der der Bücher und Schatten“ aus der Reihe „Die Geheimnisse des Graphischen Viertels“ stehen als nächstes auf der Liste… aber erst als Taschenbuchausgaben…

Einen Satz von bleibender Bedeutung habe ich mir besonders unterstrichen: Mercurio, auf die Frage Roberts, warum sich Menschen all das Entsetzliche antun: „Weil die Menschen nicht genug Bücher lesen. Erst wenn sie wirklich verstehen, wie es sich anfühlt, ein anderer zu sein, werden sie aufhören, sich gegenseitig Schlimmes anzutun.“

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Ein pageturner aus Leipzig!

Wie so oft bei Meyer geht es um Bücher, Bücher, Bücher…..Dieses Mal in einer spannende Geschichte aus dem im Inferno des 2. Weltkriegs untergegangenen Graphischen Viertels in Leipzig.

Die Geschichte spielt in den Jahren 1933/34, 1943 und 1971.

Sie beginnt 1943 mit der Befreiung des zehnjährigen Robert aus seiner lebenslangen Gefangenschaft in einem mit Bücher vollgestopften Zimmer. Ein unbekannter Maskenmann rettet ihn aus einer der schlimmsten Bombennächte Leipzigs und wird für Robert zu einer Art Ersatzvater.

Roberts Vater, Jacob Steinfeld, weiß nicht, dass er einen Sohn hat. Zusammen mit seinem russisch-jüdischen Freund Grigori weiß er sich gegen die SA-Schergen zur Wehr zu setzen, kommt aber in der gleichen Bombennacht, in der sein Sohn befreit wird, in den Trümmern seiner Buchhandlung Montecristo ums Leben.

Eine meist nicht gute, aber zentrale Rolle spielen mehrere Mitglieder Nachbarsfamilie Pallandt und zwei Bücher, die von Vielen besessen gesucht werden.

1971 beginnen sich die Lebenskreise zu schließen. Roberts Freundin Marie wird mit der Auflösung der immensen Pallandt-Bibliothek beauftragt und entdeckt darin von Roberts Vater, Jacob Steinfeld, gebundene Bücher, unerklärlicherweise aber auch aus der Zeit nach dessen Tod.

Schritt für Schritt entwirren Robert und Marie sie eine ebenso komplexe wie phantastische Geschichte von Freundschaft, Liebe, Haltung in schwierigen Zeiten, Aussöhnung mit der jeweiligen Lebensgeschichte, einer grenzenlosen Bücherleidenschaft, aber auch von Verlorenheit, Einsamkeit, Verbohrtheit, Verrat, Mord und Fanatismus.

Gekonnt verknüpft Meyer die drei Zeitebenen und thematisiert nicht nur in die Nazizeit, sondern auch die deutsche Teilung und die horrenden Seiten des Überwachungsstaats DDR sowie die 70er Jahre der Bundesrepublik.

Meyer vermischt historische Begebenheiten mit Fiktion und phantastischen Einsprengseln, die die Geschichte als solche aber dennoch nie als völlig unglaubwürdig erscheinen lassen. Nicht zuletzt wird aus zum Teil sehr detaillierten Schilderungen das berühmte Graphische Viertel der Buch-Stadt Leipzig aus den historischen Trümmern vor dem geistige Auge wieder lebendig und man ahnt, was damit verlorengegangen ist.

Ich bin regelmäßig und sehr gerne in Leipzig, aber nach diesem Buch, das auch Anregungen zu neuen Stadterkundungen gibt wie dem ehemaligen Johannisfriedhof u.v.a m., werde ich künftig nicht mehr durch die Altstadt, das ehemalige Graphische Viertel und die Grimmaische Straße gehen, ohne an Jacob, Juli und ihr verstecktes Dachgeschoßzimmer, Grigori und Robert denken zu können. Mehr kann man, von der Spannung vom Lesen selbst abgesehen, von einem Buch nicht erwarten.

Einen Satz von bleibender Bedeutung habe ich mir besonders unterstrichen: Mercurio, der Maskenmann, auf die Frage Roberts, warum sich Menschen all das Entsetzliche antun: „Weil die Menschen nicht genug Bücher lesen. Erst wenn sie wirklich verstehen, wie es sich anfühlt, ein anderer zu sein, werden sie aufhören, sich gegenseitig Schlimmes anzutun.“

Kai Meyer: Die Bücher, der Junge und die Nacht, Knaur, ISBN: 978-3-426-52896-9

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