Fang Fang: Ich geh jetzt los und bring mich um

„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht…“

Mit diesen beiden Sätzen beginnt Albert Camus´ Essay „Eine absurde Betrachtung“. Und mit dieser Frage schlägt sich Hanqing, die Hauptfigur dieser kleinen Geschichte, herum.

Hanqing lebt seit zwanzig Jahren in Wuhan im Haus ihrer Schwiegereltern. Sie ist Dienstmädchen für alles und jeden im Haus, rackert sich ab, keiner rührt einen Finger, sie wird missachtet, kritisiert und ausgelacht.

In der Nachbarschaft ist sie beliebt, immer hilfsbereit, wobei auch hier die Grenze zur Ausnutzung häufig überschritten wird.

Ihre Unbildung ist ihr Problem, sie versteht vieles nicht, kann sich nicht entsprechend wehren…und fügt sich in ihr Schicksal. Aber woher hätte ihre Bildung herkommen sollen? Während der Kulturrevolution wurde sie zur Feldarbeit aufs Land und danach in die Fabrik geschickt.

Dieses Leben zermürbt, eine unerträgliche Schwermut ergreift sie, ihre Wut verbrennt sie innerlich. Aber das permanente Nachdenken über Konsequenzen ihres Handelns nicht nur für sie, sondern vor allem für alle anderen führt dazu, dass sie ihrem teilnahmslosen Mann nur deshalb kein kochendes Wasser über den Kopf schüttet, weil sie die hohen Arztrechnungen fürchtet.

Die Grenzen zwischen Ausnutzung und Selbstausbeutung gehen Hand in Hand. Sie verkauft sogar ihr Blut, um die wachsenden Ansprüche ihres studierenden egoistischen Sohnes befriedigen zu können.

So nimmt die Frage immer größeren Raum ein: Kann der Tod ein Ausweg sein? Hanqing bejaht diese Frage vielfach. Aber kurz bevor sie auf der Zielgeraden ihren Entschluss umzusetzen kann, muss noch etwas anderes erledigt werden, und sei es das Mittagessen zu kochen.

So kommt es, dass ihre offene Ankündigung, sich umzubringen, nur Hohnlachen auslöst. Laut ihrer Schwiegermutter fehlt Hanqing selbst hierzu das Talent.

Die Handlung spitzt sich zu, und Hanqing  muss sich mit  Gegenpositionen zu ihrem Selbstmordgedanken auseinandersetzen. Eine Leidensgefährtin mahnt sie: „Wer ist schon Herr über sein Leben? Woher nehmen Sie das Recht zu sterben, wenn es Menschen gibt, die sie brauchen?“

Für den Leser nicht ganz überraschend kommt Hanqing zu dem Schluß: „Der Mensch ist geboren, um zu leiden. Vielleicht darf man erst sterben, wenn man all die Mühsam, die das Leben einem auferlegt hat, abgearbeitet hat, dachte Hanqing. Vielleicht ist man erst dann mit sich im Reinen und nicht mehr so hin- und hergerissen zwischen Richtig und Falsch wie ich heute.“

Für sich hat Hanqing die Antwort gefunden, es wurde ihr „leichter ums Herz“.

Dieser kleine, 2004 erstmals erschienene Roman, reicht weder sprachlich noch inhaltlich sicherlich nicht an den Tiefgang und die Bedeutung anderer Bücher Fang Fangs und ihrer literarischen Aufarbeitung chinesischer Geschichte heran. Aber er wirft einen Blick auf ein gesellschaftliches Problem, das in China sicherlich nicht nur Hanqing betrifft, vielmehr für eine Reihe asiatischer traditioneller Gesellschaften nach wie vor bestehen dürfte. 

Danke an Hoffmann und Campe für das Rezensionsexemplar

Fang Fang: Ich geh jetzt mal und bring mich um Hoffmann und Campe, ISBN: 978-3-455-02116-5

Übersetzung Karin Betz 

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