Miles Davis. Sound eines Lebens

von Stefan Hentz

Rechtzeitig zum 100. Geburtstag des Jahrhunderttrompeters Miles Davis am 26. Mai ist bei Reclam eine neue Biographie erschienen, die auf rund 350 Seiten Leben und Werk dieses Ausnahmemusikers schildert.

WICHTIG!! Nicht durch das erste Kapitel von der weiteren Lektüre abschrecken lassen!

Dieses Kapitel beginnt mit der Rückkehr von Davis nach seiner mehrjährigen Abwesenheit von der Jazzszene Anfang der 80er Jahre. Es ist stark werkbiographisch geprägt und stellt Alben, seine Musik, seine musikalischen Richtungswechsel vor, seine Partner, Bands…ein für Nicht-Jazz-Experten eher überfordernder Einstieg.

Danach geht´s jedoch in eine gelungene chronologische Mischung zwischen Biographie und Werk.

Miles findet sehr früh zur Musik und geht gegen viele Widerstände auch im Kontext einer konfliktiven Familie seinen Weg. Sein rascher Aufstieg in der Jazz-Szene vollzieht sich in einer auch Jahrzehnte nach Beendigung der Sklaverei tief von Rassen-Segregation geprägten Gesellschaft. Diese Erfahrungen prägen Davis ein Leben lang und sein Gefühl, trotz aller Erfolge der Ablehnung der weißen Mehrheitsgesellschaft nie entkommen zu sein. Befragt nach seinen drei wichtigsten Wünschen antwortete Davis einer Journalistin: „To.Be.White“. Realität und Sarkasmus greifen dabei sicher ineinander.

Früh kreuzten sich sein Karriereweg mit dem Who is Who der US-amerikanischen Jazz-Szene: Kenny Garret, Billy Eckstine, Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Art Blakey, Sarah Vaughan, Coleman Hawkins, Thelonius Monk, Dexter Gordon, Billie Holliday, Charles Mingus und viele andere.

Die permanente Auseinandersetzung über den Jazz, Entertainment vs. Kunst, die immer wieder tiefgreifenden Veränderungen der Jazzszene (Ende der Big Bands, Aufstieg und Niedergang der Clubszene etc.) bieten einen Einblick in die Herausforderungen der Szene.

Als Musiker und Mensch befand sich Davis meist „zwischen Heldenverehrung und Ablehnung“. 

Davis experimentierte vielfach abseits des „reinen Jazz“ mit verschiedenen Stilrichtungen. Das galt für die Filmmusik ebenso wie für Ausflüge in die Klassik bspw. in der Neugestaltung der Oper „Porgy und Bess“ oder Ausflüge in den spanischen Flamenco. Seine musikalischen Grenzüberschreitungen und der Versuch, in andere kulturelle Räume vorzudringen stießen nicht nur auf begeisterte Zustimmung. Davis ließ sich jedoch weder vom Publikum noch von der Musikkritik festlegen: „Ich spiele alles, was mir gefällt, wenn ich das Gefühl habe, ich kann das“.

Mit diesen Neuerungen setzte er immer wieder Massstäbe. So wurde das Album „Bitches Brew“ (1970) zur ersten Goldenen Schallplatte des Jazz.

Die Jazz-Szene war geprägt durch massiven Drogenmissbrauch, dem nicht wenige gerade auch ihrer Stars, so Charlie Parker, Billie, Holiday oder Chet Baker sehr früh zum Opfer fielen. Auch Miles Davis geriet in diesen Teufelskreis.

Bereits vor seinem Paris-Aufenthalt 1949 und seiner dort begonnen Romanze mit Juliette Gréco begann seine Junkiekarriere, nach seiner Rückkehr verlor er jedoch vollständig die Kontrolle: „Unversehens verwandelte sich der elegante, wohlerzogene, stets beherrschte junge Mann in eine Ruine seiner selbst: in eine Junkie, unbeherrscht, unzuverlässig, jenseits von Gut und Böse. Er versetzte seine Trompete beim Pfandleiher, bittet seinen Bruder Vernon um Geld an, das er zurückzahlen würde, log, betrog, und bestahl seine engsten Freunde.“ Selbst die Grenze zum Zuhältertum überschreitet er, mehrere Entzugsversuche scheitern, seine eigene Familie mit drei Kindern zerbricht.

Diese wenigen Zeilen stellen in der Anlage dieses Buches schon einen Exzess an privater Biographie dar. Privates spielt nämlich fast gar keine Rolle. Mehrere Ehen werden eher am Rande erwähnt, seine Kinder allenfalls mal mit Namen, kommen auch nicht selbst zu Wort.

Neben der Musik stehen seine exzessbedingten Abstürze im Mittelpunkt, da sie seine Karriere unterbrachen und gefährdeten.

Und von diesen Abstürzen und Comebacks gab es einige.

Erst Mitte der 50er Jahre gelingt ihm ein überzeugendes, hart erarbeitetes Comeback, bevor er

Anfang der 60er erneut abstürzt. Er kämpft sich zurück, nur um Mitte der 70er Jahre dann erneut alkohol- und drogenbedingt für Jahre wieder von der Bildfläche zu verschwinden. „Seine Diät: Kokain, Heroin, Bier, Cognac, Zigaretten, Schmerzmittel , Sex mit schnell wechselnden Partnerinnen.“

Davis selbst: „Von 1975 bis Anfang 1980 rührte ich mein Horn nicht an“.

Nach seinem erneuten Comeback Anfang der 80er Jahre bleibt er dann aktiv bis zu seinem Tod.

„Sound eines Lebens“ ist überwiegend eine Werkbiographie mit enorm vielen Einzelheiten zu Musik, Bands, Stilrichtungen, den verschiedenen Aufnahmen und Titeln und einer Unzahl von Musikern.

Und ganz nebenbei erfährt man auch etwas über die Revolution des Übergangs von der Schellackplatte zur Vinyl LP, die der Verbreitung gerade des Jazz sehr geholfen hat sowie andere technische Neuerungen im Laufe der Jahrzehnte.

Mehr als Biographie ist dieses Buch auch eine Geschichte des (US-amerikanischen) Jazz und seiner Entwicklungen (Blues, Swing, Bepop, Cool Jazz, Hardpop, Free Jazz, Fusion Jazz etc.) im 20. Jahrhundert, aber auch seiner Herausforderungen. So war der Jazz insbesondere in den 60er Jahren nicht mehr die bevorzugte Ausdrucksform der jungen Generation, der Jazz musste sich mit dem Rock auseinandersetzen. 

Man sollte schon ein gehöriges Interesse nicht nur an Davis selbst, sondern vor allem an Jazz allgemein mitbringen, um dieses Buch genießen zu können. Wer parallel zum Lesen immer mal wieder in den einen oder anderen Titel reinhört, kann mit diesem Buch viele schöne Stunden verbringen.

„Sound eines Lebens“ – Eine gut geschriebene Biographie eines spannenden, komplexen und einflußreichen Jazz-Musikers. Abgerundet wird das Buch durch interessante Fotografien und eine mehrseitige Auswahl-Diskographie, bei der man sich allerdings die Angabe des jeweiligen Erscheinungsjahrs gewünscht hätte.

Davis stirbt am 28.9.1991.

Stefan Hentz: Miles Davis. Sound eines Lebens, Reclam, 2026

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