Lukas Rietzschel: Sanditz

Im fiktiven sächsischen Dorf Sanditz begleiten wir drei Generationen einer Familie durch Jahrzehnte überwiegend deutscher, aber auch europäischer Geschichte. Es beginnt in der DDR der 70 er Jahre, geht über die Wiedervereinigung Deutschlands bis zum Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Verschiedentliche Werbung, die diesen Roman als „DDR-Roman“ bezeichnet, führt den Leser auf einen Irrweg. Wer den Roman mit dieser Brille zu lesen beginnt, langweilt sich zunächst schnell, wenngleich im späteren Verlauf die DDR-Jahre einen prägenden und sehr intensiv dargestellten Teil des Buches ausmachen.

Kein Wunder bei dem „Wunsch dieses Staates, selbst das kleinste und schwächste Glied zu formen, zu biegen und notfalls auch zu brechen….dieser Staat hatte einen Krieg nach innen geführt; er nahm die kaputten und toten Menschen einfach in Kauf“.

Das tägliche Chaos einer ineffizienten Planwirtschaft, die Unterdrückung, die Allgegenwart der Stasi und ihrer IM´s und schließlich die Lebensbegrenzung aufgrund des Eingeschlossenseins in diesem Staat: Selbst wer das Weite sucht, würde „nur umherirren und an den Rändern dieser Republik abprallen wie ein Gummiball“.

Anschaulich die Schilderung der langsamen Entstehung eines nicht zuletzt im kirchlichen Umfeld ermöglichten Widerstandes, der schließlich zur historischen Selbstermächtigung in Gestalt der friedlichen Revolution in der DDR führte.

Dies wird auf zum Betätigungsfeld Rolands, der lange brauchte, um sich aus der Macht der Kollektive zu lösen, sein „Ich„ zu entdecken, damit auch zu seiner Homosexualität zu stehen und der dann 1989 mitwirkt, „ein festgefahrenes, borniertes, verkommenes System zu stürzen“.

Begleitet durch eine wichtige, auf dem Weg danach vielfach verlorengegangene Einsicht: „Der langweiligste Teil war der bedeutendste einer Revolution. Aufruhr war nur am Anfang wichtig“. Danach warten die Mühen der Ebenen. Dazu zählt auch das Verhältnis zwischen Ost und West.

Dieser Roman ist insgesamt kein schillerndes Heldenepos.

Es geht um Scheitern, um Niederlagen, um Machtlosigkeit, es geht um langes Mitschleppen unverarbeiteter Traumata in der vergeblichen Hoffnung, dass sich ein „Schutzschild aus verheilten Wunden“ bilden werde. Es ist ein Roman über Einsamkeit gerade auch in der Familie und über in Sackgassen geratene Lebenswege.

Aber: Fast alle dieser sehr verschiedenen und intensiv gezeichneten Charaktere dieser Familie suchen für sich früher oder später einen Weg aus ihren verfahrenen Situationen. Insofern sind sie doch jeder auf seine Art Helden ihres jeweiligen und alles andere als einfachen Alltags. Das führt zu teils überraschenden, teils dramatischen Situationen. Bis auf wenige Ausnahmen bleiben die künftigen Lebenswege offen.

Nicht zuletzt geht es um die Kompliziertheit menschlicher Beziehungen, um Liebe, verpasste und gescheiterte, um Homosexualität, aber auch, und das ist sicherlich eines der stillen, aber berührenden Kapitel, um späte, gelingende Liebe.

Ich hatte am Anfang Schwierigkeiten, in den Lese-Flow zu kommen, aber ganz langsam wurde die Handlung dichter und ansprechender. Insgesamt eine lesenswerte Familiengeschichte.

Eine kritische Anmerkung sei erlaubt: Der Sinn und Zusammenhang des Prologs, so interessant er sich isoliert liest, hat sich mir nicht erschlossen!

Lukas Rietzschel: Sanditz; dtv, ISBN: 978 3 423 28516 2

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