Franco. Der Ewige Faschist.

Till Kössler

Franco hatte, wohl zusammen mit Enver Hodschas Albanien, in Spanien eine der langlebigsten europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts etabliert. Zwischen 1939, dem Ende des dreijährigen Bürgerkrieges und seinem Tod im November 1975 hatte er dieses Land unter seiner gnadenlosen Knute.

Der Bürgerkrieg, Franco und die nachfolgenden Jahrzehnte, geprägt durch das Schema „Sieger und Besiegte“, traumatisiert durch die „eliminatorische Radikalkur der gesellschaftlichen Neuordnung“, die Toten während und nach dem Bürgerkrieg gehen in die Hunderttausende, spalten auch 50 Jahre nach dem Tod des Diktators noch immer die spanische Politik und Gesellschaft.

Ist er für die einen der Hauptverantwortliche für den Bürgerkrieg, der erbarmungslose Diktator, der das Land mit seinem Clan fast 40 Jahre geknechtet und ausgebeutet hat und bis zum Ende seines Regimes die Todesstrafe verhängen ließ,  so ist er für die andere Seite der schicksalgesandte Retter des katholischen Vaterlandes, der Spanien vor Schlimmerem bewahrt, Sicherheit, Ordnung und die alten Werte wieder hergestellt und nicht zuletzt Spanien aus dem 2. Weltkrieg herausgehalten hat.

Ich erinnere mich an einen meiner ersten Spanien-Besuche wenige Jahre nach Francos Tod, als ich im Königspalast Escorial zu meinem Erstaunen Franco-Porträts zum Verkauf sah. Für mich war Franco, wenn auch mit Abstufungen, auf einer vergleichbaren Bewertungsskala wie Hitler verortet, diese Art von Devotionalismus daher erschreckend und unverständlich.

In den darauffolgenden Tagen wurde mir klar, welcher Riss durch die spanische Gesellschaft ging. Daran hat sich bis heute, generationsbedingte Abschwächungen mal außen vor, relativ wenig geändert.

Massengräber, bekannte wie unbekannte, deren Öffnung oder die Suche nach ihnen und die Identifizierung der Toten ist immer wieder Gegenstand der öffentlichen Debatte. Die Exhumierung Francos aus dem vormals so genannten „Tal der Gefallenen“, seit 2022 wieder „Valle de Cuelgamuros“, war über viele Jahre Dauerthema und erregte die Gemüter.

Ein gemeinsames Narrativ dieser Jahrzehnte scheint nicht gestaltbar. Ausdruck hierfür ist, wie Kössel zu Recht anmerkt, dass es bis heute „kein nationales Museum zur Geschichte der Franco-Zeit oder des Spanischen Bürgerkrieges gibt“.

Kössel stellt zu Beginn klar, dass zentrale Fragen zu Franco und seiner Herrschaft bis heute nicht geklärt sind. Handelte es sich um eine traditionelle Militärdiktatur oder eine Form von  Entwicklungsdiktatur, war Franco ein autoritärer Modernisierer oder ein revolutionärer Faschist?

Kössel will sich an diesen Fragestellungen nicht verheben und mit seinem Ansatz vielmehr „die Aufmerksamkeit auf die sozialen und kulturellen Kräfte und Kontexte (lenken), die Francios Handeln prägten, seinen Aufstieg ermöglichten und sein Wirken als Diktator bestimmten“.

Dies gelingt ihm.

Während es im spanischen und englischen Sprachraum zahlreiche, wenngleich mit unterschiedlichen Ansätzen und Intentionen versehene Franco-Biographien bspw. von Paul Preston oder Stanley Payne gibt, sieht es im deutschen Sprachraum mager bis vernachlässigbar aus.

Kössel stößt daher mit seiner gut lesbaren Biographie in eine Lücke. Sie ermöglicht nicht nur eine nähere Kenntnis des Aufstiegs und der Person Francos, sondern bettet diese in einen komplexeren Kontext spanischer und europäischer Geschichte ein, was für das heutige Verständnis eines der großen Länder der Europäischen Union wichtig ist. 

Ein außerhalb Spaniens für die Entwicklung dieses Landes im 20. Jahrhundert vielfach unterschätztes Datum ist das Jahr 1898, in dem der Krieg mit den USA und damit die letzten großen spanischen Kolonien Philippinen und Kuba verloren gingen. Die dadurch ausgelösten Schockwellen hatten tiefgreifende Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft des verunsicherten ehemaligen Weltreiches und schufen den Nährboden für zahlreiche, weitreichende Veränderungen und Entwicklungen und das Aufbrechen über lange Zeit überdeckter und vor sich hinschwelender Sollbruchstellen.

Zu nennen sind hier zunehmende Spannungen zwischen Liberalismus und Katholizismus, eine sich ausdifferenzierende Zivilgesellschaft mit einem höheren Partizipationsanspruch ebenso wie die zunehmende Infragestellung der Monarchie oder die aufbrechenden Regionalismen, bis heute ein Thema mit Sprengsatzwirkung in Spanien. 

Viele dieser lange verdeckten Entwicklungen brachen sich in den wenigen republikanischen Jahren häufig sehr brutal Bahn, keine der beiden Seiten hat sich dabei den Heiligenschein verdient. Aus dieser Zeit stammt der bittere Vers des berühmten spanischen Dichters, Antonio Machado: „Kleiner Spanier, der Du auf die Welt kommst, eines der beiden Spanien wird Dir das Herz gefrieren lassen“.

Kössel weist daher zu Recht darauf hin, dass trotz der Internationalisierung des Konflikts der spanische Bürgerkrieg nicht lediglich ein „Stellvertreterkrieg der Großideologien des 20. Jahrhunderts“, sondern „zuallererst ein innerstaatlicher Konflikt war. Dies ist wichtig, um die anhaltenden Nachwirkungen dieses Bürgerkrieges einordnen zu können.

Ganz besondere Bedeutung in all diesen Jahren der verbliebenen Kolonie Marokko zu, gleichsam der Restzipfel des ehemaligen Weltreiches Spanien. Vor allem in diesem Kontext ist der Aufstieg Francos zu verstehen.

Kössel zeichnet einen überaus ehrgeizigen, intellektuell eher begrenzten, aber mit Blick auf seine Karriereplanung und gesellschaftlichen Aufstieg strategisch äußerst begabten Militär, der früh wusste, wie Medien zu instrumentalisieren waren, der brutal und skrupellos sein konnte, der aber dem „dolce vita“ alles andere als abgeneigt war und während seiner Diktatorenzeit nicht in der Gefahr stand sich zu überarbeiten.

Prägend für Franco waren nach Kössel dessen „verschwörungstheoretisch grundierter Hass gegen Liberalismus und Demokratie und seine skrupellose Repressions- und Vernichtungspolitik“. Kössel arbeitet an verschiedenen Aspekten das Paradoxe an Franco, seiner Herrschaft und seiner Perzeption heraus: „Franco verkörperte die Widersprüche einer sich als nachholend verstehenden Modernisierungspolitik, mit der die Aneignung westlicher Vorbilder mit antiwestlichen und antiliberalen Ressentiments einherging. Er suchte die Anerkennung der westlichen Welt und war nach  1945 mehr denn je auf sie angewiesen, grenzte sich aber zugleich von ihr ab und beharrte auf der moralischen Höherwertigkeit und größerer Leistungsfähigkeit seines Regimes“.

Spätestens mit seinem Tod am 20. November 1975 brach dieses Konstrukt zusammen.

Spanien hat, nicht zuletzt wegen der positiven und für die Franquismus-Anhänger unerwarteten Rolle des damaligen Königs Juan Carlos, der integrativen Rolle des Ministerpräsidenten Adolfo Suárez und einer breiten politischen Übereinstimmung im anti-franquistischen Parteienlager, die „transición“, den Übergang zur Demokratie gut bewältigt.

Dennoch ist die Politik Spaniens nach wie vor durch eine profunde Polarisierung geprägt, die dazu führt, dass es zwischen den beiden großen Parteien des Landes, der PP und der PSOE, keine Formen einer Zusammenarbeit oder „Großen Koalition“ gibt, sondern man sich jeweils in teils absurde Abhängigkeiten einer Handvoll Splitterparteien begibt, um im Kongress die erforderliche Regierungsmehrheit zustande zu bringen.

Eine kritische  Anmerkung zum Schluss: Der Untertitel passt nicht so ganz zu den eher differenzierenden bis unentschlossenen Ausführungen darüber, ob Franco nun Faschist war oder nicht. Eine strukturiertere Argumentation zu zentralen Aspekten und Definitonselementen des zugrundegelegten Faschismusbegriffs wäre hilfreich und überzeugender gewesen.

Dank an den Beck Verlag für das Rezensionsexemplar!

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