
Reseña también en español
Ich bereue nicht, das Buch gelesen zu haben, tat mir aber schwer damit. Nicht wegen des Themas, obwohl das schwer verdaulich ist. Vielmehr wegen Teilen und Erzählebenen des Buches, das zudem erst ab der Hälfte zum eigentlichen Thema kommt.
Aber – die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Vielleicht zählt das Buch auch zu denen, die man „sacken lassen“ muss, um sie mit zeitlichem Abstand nochmals zu lesen.
Eingeleitet wird das Buch durch die Schilderung eines sich über Jahre wiederholenden Albtraums der Ich-Erzählerin Gyenongha. Dieser Albtraum ist den Arbeiten an ihrem Buch geschuldet, das zu den in Korea meistverkauften Büchern zählt und sich mit einem dramatischen Kapitel koreanischer Geschichte befasst: dem Massaker bei der Niederschlagung des Studentenaufstandes vom Mai 1980 in Gwangju. Gemeint ist damit Han Kangs zweites Buch, „Menschenwerk“, 2017 auf Deutsch erschienen.
Dieser Albtraum leitet über zur Freundschaft zwischen der Erzählerin und Inseon. Beide haben sich bei ihrer Arbeit kennen gelernt, die Erzählerin als Journalistin, Inseon als begleitende Fotografin und Kamerafrau. Die Hoffnung, diesen Albtraum zu überwinden, mündete in ein gemeinsames, über die Jahre jedoch nicht vorankommendes künstlerisches Projekt der beiden Freundinnen. Gyenongha distanziert sich schließlich davon, während Inseon ohne Wissen ihrer Freundin daran weiterarbeitet.
Obwohl sie seit mehreren Jahren nur sporadischen Kontakt hatten, erreicht Gyenongha ein Hilferuf Inseons, die nach einem Arbeitsunfall in eine Klinik nach Seoul eingeliefert wurde. Sie bittet ihre Freundin inständig darum, stehenden Fußes zu ihr nach Hause zu fahren, um ihren Vogel Alma zu retten. Obwohl sie Zweifel hat, rechtzeitig anzukommen, macht sich Gyenongha auf den Weg nach Jeju, ausführlichst wird die beschwerliche Anreise im Winter geschildert.
Die Insel Jeju steht für Vieles. Sie ist ein international beliebtes Touristenziel und immaterielles UNESCO Weltkulturerbe.
Jeju hat aber auch eine kaum bekannte, lange verschwiegene Vergangenheit, die in einem entsetzlichen Kontrast zu diesen Highlights steht. Die Koreaner benennen dies mit „Jeju-4.3.“ Gemeint ist damit 3. April 1948, das Datum eines der „Höhepunkte“ vieler Gemetzel auf dieser Insel.
Die literarische Erinnerung an diese Ereignisse ist, ebenso wie in „Menschenwerk“, das Ziel Han Kangs. Sie zeichnet detailliert und aussagekräftig verschiedene Horrorszenarien dieser traumatischen Periode koreanischer Geschichte nach.
So verliert der Vater von Inseon seine gesamte Familie. Ihr verschwundener Onkel mütterlicherseits berichtet in einem Brief, dass ihn die Schreie einer Mutter, die gezwungen wurde, ihr totes Kind am Strand zurückzulassen, mehr erschüttert und geschmerzt haben als die von ihm ertragene Folter. Eine überlebende Frau, konnte für den Rest ihres Lebens keinen Fisch mehr essen, weil sie hunderte von Leichen hatte im Meer verschwinden sehen.
Es wird berichtet von Massenverhaftungen und Deportationen, jahrelangen Gefängnisstrafen und Foltern, von ausgeräucherten Höhlen, in die sich die Menschen geflüchtet hatten, von Massenerschießung am Strand, auf Schulhöfen und in Minen, von zahlreichen Massengräbern wie dem wohl zuletzt entdeckten unter der Piste des Flughafens von Jeju.
Mehr als 30.000 Menschen sind ermordet worden, Tausende verschwunden, Tausende, die nach wie vor in Massengräbern liegen, bis heute nicht identifiziert.
Je mehr Gyenongha sich in die Dokumente vertieft, desto weniger ist sie erstaunt darüber, „was ein Mensch einem andern antun kann“. Sie vermutet, dass „das Einzige, was den Schmerz dieser pochenden Wunde lindern kann, die Resignation zu sein scheint…“.
Die Rahmenhandlung der Darstellung dieser Ereignisse bildet die enge Freundschaft zwischen Gyenongha und Inseon. Mir scheint aber, dass sich eher spät und fast zwischen den Zeilen eine ebenso starke wie verkannte Frau erkennbar herausschält und zum Thema wird: Die Mutter von Inseon, von dieser über sehr lange Zeit verkannt. Sie hatte die Mutter für jemand gehalten, der „tot im Leben“ ist. Es war aber gerade die Mutter, die über Jahrzehnte, und zuletzt Alter und Krankheit überwindend, alles versucht hatte, um ihren verschwundenen Bruder zu finden. Diese Mutter wird zum unverzichtbaren Bestandteil dieses Romans.
Die Botschaft dieses Buches ist klar: Man kann sich von der, und schon gar nicht dieser Vergangenheit nicht verabschieden. Man muss zurückblicken.
Die Erzählerin setzt sich so auch von der koreanischen Legende ab, die ihre Entsprechung in vielen anderen Ländern findet, wonach eine Frau, die entgegen einer Weisung zurücksieht, versteinert.
Man lernt aus diesem Buch etwas über ein dramatisches und entsetzliches Kapitel koreanischer Geschichte, was an sich ja schon ein Gewinn ist, denn diese Weltgegend ist doch für unsere Lebenswirklichkeit sehr weit entfernt und man weiß äußerst wenig darüber.
Auch wenn viele Taten, Daten und Einzelschicksale aufgeführt werden ist es absolut unerlässlich, sich über die Hintergründe dieser Jahre ab 1948 selbst zu informieren, um eine angemessene Kontextualisierung dieses Romans zu erreichen.
Ich kam bei der Lektüre fast an den Punkt, die Geduld zu verlieren und abzubrechen, was bei mir äußerst selten vorkommt.
Schnee ist gleichsam der rote Faden, oder besser gesagt weiße Faden, der sich durch die ganze Geschichte zieht. Ich dachte schon, der Titel „Schnee“ wie bei einem Roman von Orhan Pamuk wäre vielleicht besser gewesen. Schnee mag bis zu einem gewissen Grad als Stimmungsbild dienen. Ich fand den Dauerschnee mit der wenngleich detailliert variierenden Beschreibung der Konsistenz und Erscheinungsform von Schneeflocken ab einem gewissen Punkt jedoch langweilig bis nervig.
Erst in exakt der Hälfte des Romans findet sich der erste aus sich heraus verständliche Hinweis auf eine düstere Vergangenheit und damit des zentralen Themas. Leider begibt sich Han Kang jedoch gleichzeitig auf eine mir schwer nachvollziehbare Erzählebene. Der tags zuvor im tiefsten Winter von Gyenongha vergrabene Vogel Alma sitzt am nächsten Tag putzmunter in seinem Käfig und fliegt danach in der guten Stube herum. Um das Maß voll zu machen, „erscheint“ plötzlich die in Seoul im Krankenhaus liegende Freundin in Jeju, bietet Tee an und zeigt und erläutert Gyenongha die Dokumente zu den Verbrechen.
Das führt dann selbst Gyenongha zum Selbstzweifel, „ob nicht alles, was auf der Insel passiert war nur die Fantasie von jemandem sind, der nicht mehr von dieser Welt ist“.
Han Kang bringt unter dem treffenden Titel „Unmöglicher Abschied“ unglaubliche Verbrechen an mehreren zehntausend Menschen literarisch in Erinnerung.
Ob es hierzu der, nennen wir es „spiritistischen“ Erzählebene bedurft hätte, erscheint mir jedoch fraglich, dies lenkt vom eigentlichen Thema eher ab. Da hätte mir eine spartanischere, rationalere Erzählweise besser gefallen.
Aber wie gesagt– die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Vielleicht zählt das Buch auch zu denen, die man nach einer ersten Lektüre „sacken lassen“ muss, um sie mit zeitlichem Abstand nochmals zu lesen.
Deutsche Fassung
Unmöglicher Abschied
Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-04184-7
Übersetzeri: Ki-Hyang Lee
Imposible decir adiós,
Random House 2024
ISBN: 978-987 769 384 3
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