Der Sinn von Politik ist Freiheit. Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in schwieriger Zeit gibt.

Von Winfried Kretschmann

Der GRÜNE, seine „Hausheilige“ und das Vertrauen auf Wunder

Winfried Kretschmann, bald 78, und fünfzehn Jahre grüner Ministerpräsident im Ländle Baden-Württemberg, hat in recht frühen Jahren eine (politische) Metamorphose durchgemacht. Verantwortlich hierfür war die 1975 verstorbene Hannah Arendt, die sein „Leben verändert“ hat.

Kretschmann, in den 70er Jahren als Student in der maoistischen Kaderpartei „Kommunistischer Bund Westdeutschland“ (KBW) aktiv, hatte sich „tief in ein linksradikales Weltbild verirrt“.

Arendts Schriften halfen ihm, „aus dem totalitären Denken und der ganzen damit verbundenen Gewaltmystik herauszukommen. Sie waren mein Heilmittel gegen die ideologische Verblendung, die in mir einen gewaltigen Sog entwickelt hatte“.

Um vor falschen Erwartungen zu warnen. Dies ist kein philosophisches oder politikwissenschaftliches Buch. Es geht nicht um eine Tiefenanalyse des Werkes von Hannah Arendt, und es gibt Kapitel, in denen Arendt eher am Rande eine Rolle spielt.

Bücher von Politikern nehme ich vielfach nur unter Vorbehalt in meine Leseliste auf, zu häufig geht es um geschönte oder selbstverliebte  Memoiren eines, der schon immer alles besser wußte und nie war’s falsch gemacht hat.

Bei Kretschmann habe ich mal wieder eine Ausnahme gemacht.

Zum einen, weil er als in hohem Masse pragmatisches Urgestein in einer im Kern nach wie vor stark ideologisierten Partei dieses Spannungsverhältnis in einem strukturell eher konservativen Land wie Baden-Württemberg in ein attraktives Wählerangebot transformieren konnte. Damit hat er sicherlich dazu beigetragen, dass auch sein Nachfolger ein Grüner ist. 

Zum anderen interessiere ich mich sehr für Hannah Arendt und war daher gespannt, wie Kretschmann sein „Denken ohne Geländer“ (Arendt) und Handeln in einen Zusammenhang mit ihr bringt. Und damit verbunden die spannende Frage, was eine vor über 50 Jahren verstorbene Denkerin uns in unserer heutigen Zeit noch zu sagen hat.

Arendt, die sich selbst ja nicht als Philosophin, sondern als politische Theoretikerin und Denkerin verstand, bietet Kretschmann in vielerlei Hinsicht eine „politische Handlungstheorie“, zwar keine „einfache Handlungsanleitung für die politische Praxis“, aber einen „Kompass“.

Arendt selbst ist sein „geistig-politischer Leitstern“.

In fünf knappen Kapiteln auf 129 Seiten dekliniert Kretschmann für ihn grundlegende Maßstäbe an Hand von zentralen Konzepten aus den wichtigsten Werken Hannah Arendts durch.

Es geht um Themen wie zivilisierter Streit als Kitt einer pluralistischen Gesellschaft, eine Politik des Gehörtwerdens, die Entstehung und Nutzung von Macht oder die Wahrheit als Grundlage eines funktionierenden öffentlichen Diskurs- und Entscheidungsraumes.

Im Kern geht es dabei vor allem darum, „Sachfragen nicht zu Kulturkämpfen hochzujazzen“.

Kretschmann setzt sich immer wieder kritisch mit für viele Grüne als sakrosankt geltenden Reizthemen auseinander-sei es das Absolutsetzen von Gruppenidentitäten, „die das Trennende betonen und das Verbindende in den Hintergrund treten lassen“.

Sei es die „Endlichkeit der Integrationsfähigkeit von Gemeinwesen mit Blick auf die Migrationsproblematik“, oder die Wiedereinführung der Wehrpflicht im Rahmen eines „Republikanischen Jahres“.

Dem Moralisierungsgen seiner Partei steht Kretschmann sehr kritisch gegenüber. Politik ist für ihn nach der Philosophin Jeanne Hersch „die konkrete Verabredung mit der Wirklichkeit“, daher setzt er vielmehr auf einen „prinzipientreuen Gestaltungspragmatismus“.

Wichtig ist für Kretschmann, nicht in den eigenen Milieus zu verharren.

Zwar fehlt es nicht an Pauschalformulierungen und einigen Allerweltsweisheiten. Man erfährt aber auch einiges von den Projekten, die Kretschmann in seinen Regierungsjahren initiiert hat.

Interessant zu lesen, wie ein Politiker versucht, sich an eine Denkerin und ihre Konzepte rückzukoppeln, auch wenn er bei weitem nicht alle ihre Ansätze teilt. So teilt er beispielsweise nicht Arendts Skepsis gegenüber der repräsentativen Demokratie, bemüht sich aber um deren partizipativere Ausdifferenzierung.

Gleichsam übergreifend steht das Konzept Arendts einer „Versöhnung von Ich und Wir“.

Dies alles mündet in das Vertrauen darauf, dass Menschen eine nach Arendt „diesseitige Fähigkeit haben, Wunder zu vollbringen“.

Man wünschte sich auch heute in einer in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands wohl noch nie so erlebten tiefgehenden Polarisierung und Dialogunfähigkeit unserer Gesellschaft, dass mehr Menschen Arendt lesen und beherzigen würden.

Winfried Kretschmann: Der Sinn von Politik ist Freiheit. Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in schwieriger Zeit gibt. Patmos 2025, ISBN 978-3-8436-1603-4

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