Paris 1940. Zuflucht und Widerstand Ein Denkmal für zwei starke Frauen: Die Französin Adrienne Monnier und die US-Amerikanerin Sylvia Beach. So einfach könnte man dieses Buch zusammenfassen. Engagiert, couragiert, furchtlos entziehen sie sich vielen zeitgenössischen Konventionen, nicht zuletzt der herrschenden Sexualmoral und leben zusammen, und das im konservativen Frankreich, wo erst 1944 das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Die beiden machen „ihr Ding“ – und das heißt zunächst, sie verschreiben sich der Literatur, leben für Bücher und Kulturtransfer. Mit ihren beiden gegenüberliegenden Buchhandlungen „Shakespeare &Company“ sowie „La Maison des Amis des Livres“ schreiben diese beiden Frauen über fast dreißig Jahre Kulturgeschichte. Denn ihr Engagement ging weit über das „Alltagsgeschäft“ eines „nur“ Buchhändlers hinaus. Sie waren Autorinnen, Verlegerinnen, Literaturagenten, Helferinnen in vielen Lebens- und vor allem Notlagen, Lebensretterinnen… Der Untertitel führt mit seiner Jahresangabe in die Irre, denn dieses Buch speilt nicht nur im Jahr 1940, sondern behandelt die Jahre zwischen 1917 und 1945. In diesen Jahren gibt sich in diesen Buchhandlungen so ziemlich alles was Rang und Namen hat, oder einen bekommen wird, die Klinke in die Hand: Sartre, Hemingway, Gertrude Stein, André Gide, James Joyce, Krakauer, Orwell, Benjamin, Jünger, Picasso, Beauvoir, Valery, Eliot, John Dos Passos, Ezra Pound u.v.a.m. Wir treffen auf menschliche Stärken und menschliche Schwächen. Es gibt bedingungslose Freundschaften und Solidarität gerade in schwierigen Zeiten. Das extreme Gegenbeispiel ist sicherlich James Joyce, dessen Karriere ohne Sylvia Beach kaum denkbar ist und der sich vorsichtig ausgedrückt, als undankbares Charekterschw…entpuppt. Und es stellt sich wie nicht selten die Frage, ob und inwieweit man Autor und Werk trennen kann oder sollte. Die versuchte Heldentat Hemingways in den letzten Kriegstagen, das Hotel Ritz, sprich, dessen Whisky-Vorräte zu befreien, war mir neu, und ist eine von zahlreichen, oftmals unbekannten Anekdoten. Das Titelbild ist nicht so ganz kongruent mit dem Inhalt, denn Adrienne Monnier nimmt breiteren Raum als Sylvia Beach, aber Hemingway mit Kopfverband war wohl ein Eye-Catcher, auf den man aus Marketinggesichtspunkten nicht verzichten zu können glaubte. Das permanente Springen zwischen den Jahren (mal ist man im Jahre 1922, dann plötzlich im Hungerwinter 1941/42, dann wieder in 1936…) mag Geschmackssache sein, meiner ist es nicht. Ein chronologischer Aufbau hätte dem Buch keinerlei Abbruch getan. Die Bücherliebe, ja -vernarrtheit dieser beiden Frauen, Adrienne gründete die erste Leihbücherei, berührt und fasziniert. Denn diese altruistische Form der Bücherleidenschaft war ein permanentes betriebswirtschaftliches Problem. Thematisiert werden auch die Erscheinungsformen und Auswirkungen der Besatzungs- und Kollaborationskultur auf das literarische Paris, Ernst Jünger und Gertrude Stein stehen dabei im Vordergrund. Aufschlussreich vor allem die Schilderung der kritischen und negativen Aspekte von Gertrude Stein, deren antisemitische Orientierung und Hitler-Unterstützung mir in dieser Form nicht bekannt waren. Sartre charakterisierte die deutsche Besatzung als „verstecktes Gift“, das „Versteinerung“ bewirke. In dieser Situation wurden Sylvia und Adrienne und ihre Buchhandlungen zu „Orten der Zuflucht und des Widerstandes“. Neben dem häufigen Kampf ums wirtschaftliche Überleben kam nun der Kampf um das physische Überleben, die Angst vor der Gestapo, der Verhaftung und Deportation hinzu. Schlichtweg bewundernswert, wie diese beiden Frauen diese Jahre so gestalten und überleben konnten. Es werden eine Reihe von Einzelschicksalen nachgezeichnet, der Tod von Walter Benjamin sicherlich eines der bekanntesten. Weniger bekannt dürfte sein, dass Theodor Adorno im sicheren US-amerikanischen Exil immer Angst hatte, dass Benjamin zu marxistisch sei, das in Amerika schlecht aussehe und die Finanzierung seines Instituts gefährden könne. Tja, Solidarität und Egoismus überschneiden sich oft. Aber wie war das mit dem richtigen im falschen Leben oder umgekehrt? Auch bis heute weitgehend unbekannte Helden werden gewürdigt, wie beispielsweise der französische Diplomat Henri Hoppenot, der viel zur Rettung deutsch-jüdischer Exilanten beigetragen hat. Ein Beispiel unter vielen, was auch einzelne Menschen in schwierigen bis aussichtslos erscheinenden Situationen schaffen können. Ein in seinem Detailreichtum manches Mal etwas überforderndes, aber überaus lesenswertes Buch über wichtige Jahre europäischer politischer und Kulturgeschichte. Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940. Zuflucht und Widerstand C.H. Beck, 2026, ISBN:978-3-406-844942