Besprechung in Deutsch / Reseña también español!! Padura ist seit Jahrzehnten der international wohl bekannteste kubanische und einer meiner bevorzugten lateinamerikanischen Schriftsteller. Für mich sein bestes Buch ist „Der Mann, der Hunde liebte“, die Geschichte Trotzkis im Exil bis zu seiner Ermordung in Mexiko auf Stalins Befehl. Ein spannendes Stück Zeitgeschichte! Bekannt wurde Padura aber vor allem durch seine Krimi-Reihe (siehe beispielsweise „Das Havanna-Quartett“) mit Kommissar Mario Conde, der in „Anständige Leute“ nun seinen 10. Fall löst. Conde, der aus Frust sehr früh den Polizeidienst quittiert hatte, ist etwas aus der Zeit gefallen. Er legt vor allem viel Wert auf einen traditionellen Anstandsbegriff. Die herrschende Korruption ist damit nicht in Einklang zu bringen. Conde verdient sich seinen Lebensunterhalt inzwischen mit einer Reihe anderer Tätigkeiten, darunter dem Verkauf antiquarischer Bücher, und träumt davon, Schriftsteller zu werden. Kuba, Havanna vor allem, befindet sich im Ausnahmezustand. Der Roman spielt 2016 im Umfeld des Besuches von US-Präsident Obama und dem Konzert der Rolling-Stones in Havanna, so dass alle Sicherheitsorgane unter höchster Anspannung stehen. Just in diesen Tagen wird ein früherer Funktionär der kommunistischen Castro-Diktatur bestialisch ermordet. Condes ehemaliger Chef und Freund kommt wieder mal nicht weiter und bittet Conde um seine Mitarbeit. Das Bedauern um das Schicksal des ermordeten Apparatschiks hält sich in sehr engen Grenzen, zählte er doch zu den härtesten Unterdrückern der kulturellen Szene Kubas, bereicherte sich zudem an den Werken der Künstler und finanzierte sich durch deren Verkauf an reiche Amerikaner seinen für kubanische Verhältnisse extrem luxuriösen Lebensabend. Mit einem ähnlich gelagerten zweiten Mord eröffnet sich den Ermittlern nun ein Handlungsrahmen, der bis in das Jahr 1910, dem Erscheinungsjahr des Halleyschen Kometen, zurückreicht. Wir tauchen in ein weit vorrevolutionäres Kuba ein, wenige Jahre nachdem Kuba sich nach dem Krieg zwischen den USA und Spanien aus dem spanischen Weltreich gelöst hatte, und begleiten Alberto Yarini, eine historische Figur, ungekrönter Herrscher des Rotlichtmilieus mit politischen Ambitionen, der zeigt, wie man sich Einfluss verschafft und diesen behält. Yarini wird jedoch zum „Hahn, der „wegen einer Henne den Kopf“ verliert und selbstverschuldet seinen Abstieg einleitet. In diesem Kontext kommt es ebenfalls zu einem allerdings nie aufgeklärten Mord, bis sich Conde parallel auch dieser Vergangenheit annimmt. Und…den Fall ebenfalls löst. „Anständige Leute“ ist weit mehr als ein Krimi, es ist vor allem auch eine kritische Bestandsaufnahme des kubanischen Gesellschaftspanoramas der vergangenen 100 Jahre. Padura, der in all seinen Büchern immer mehr oder weniger deutliche oder verdeckte Kritik an den Zuständen in Kuba übte, blieb, soweit das in einer Diktatur wie der kubanischen einsehbar ist, trotzdem von den kubanischen Sicherheitsdiensten unbehelligt. Ich kenne jedoch keinen Roman Paduras, indem er mit der Vergangenheit Kubas nach der Revolution 1959 und der Gegenwart so kritisch, hart und ja, hoffnungslos, ins Gericht geht wie in „Anständige Leute“. Conde wird deutlich und pessimistisch zu seinem Sprachrohr wie nie zuvor. Er leidet nach wie vor darunter, dass er seine besten Jahre in Zeiten der „Überwachung, Paranoia, Unterdrückung und gnadenloser Zensur geprägten Zustände“, hatte zubringen müssen. Conde teilt trotz Obama-Besuchs und Stones-Konzert nicht den Traum des Beginns einer neuen Ära: “Die Träume würden vom Wind der Wirklichkeit davon getragen werden, auf dass die altbekannte Unveränderlichkeit und Verstocktheit ihren Platz wieder einnehmen konnten“. Der Inszenierung dieser Events traut Conde nicht, selbst die 50 000 Zuschauer im Baseball-Stadion hält er durch die Sicherheitsorgane für handverlesen, damit es zu keinen ungewollten Überraschungen kommt. Er glaubt nicht daran, dass die kubanische Regierung auch nur das geringste Interesse an Entspannung oder wirtschaftlichem Aufschwung hat. Denn damit würde die Abhängigkeit des Einzelnen vom Staat und dessen absolute Kontrolle entfallen. Und die Kontrolle ist der “der bis auf den heutigen Tag am besten funktionierende Wirtschaftszweig des Landes“. Die „großen Erleuchteten“ von Partei und Regierung führen die Massen durch den realsozialistischen Themenpark. Die Ideologie wird vorgeschoben, die krude Realität dahinter sieht anders aus. Die Geschichte habe erfolgreich vorgeführt, „dass sie sich ihren Lauf nicht durch ideologischen Schablonen vorgeben lässt“. Die verteufelten Auswanderer kehrten mit den Dollars als Sieger, ja Retter zurück: “Weshalb auf der Insel inzwischen auch kaum etwas so wichtig war wie Verwandte, die im Ausland leben.“ Überhaupt ist das Thema Flucht, Emigration, und damit das Zerbrechen, das Auseinanderreißen von Familien und Freunden ein roter Faden im Werk Paduras, zuletzt sehr eindrücklich ausgearbeitet in „Wie Staub im Wind“. Würden die Kubaner, „jeder für sich allein, die einen immer noch hier, die anderen weit weg, traurig zugrunde gehen – die hier vor Erschöpfung, die anderen in der Ferne vor Heimweh und Entwurzelung?“ „Meine gesamte Arbeit ist ein Gesang auf die vollständige Freiheit des Menschen“, so Padura in einem Interview aus dem Jahre 2021. Betrachtet man die Situation in Kuba realistisch, wird er noch viel und kräftig singen müssen! Hoffentlich bleibt uns seine Stimme noch lange erhalten! Leonardo Padura: Anständige Leute, Unionsverlag 2026, ISBN:978-3-293-71057-3 Aus dem Spanischen von Peter Kultzen RESEÑA EN ESPAÑOL Padura es, desde hace décadas, el escritor cubano más conocido a nivel internacional y uno de mis autores latinoamericanos favoritos. Para mí, su mejor libro es «El hombre que amaba a los perros», la historia de Trotski en el exilio hasta su asesinato en México por orden de Stalin. ¡Un apasionante relato de historia contemporánea! Sin embargo, Padura se dio a conocer sobre todo por su serie de novelas policíacas (véase, por ejemplo, «El cuarteto de La Habana») con el comisario Mario Conde, quien en «Personas decentes» resuelve ahora su décimo caso. Conde, que abandonó el cuerpo de policía muy pronto por frustración, se ha quedado un poco desfasado. Da mucha importancia, sobre todo, a un concepto tradicional de decencia. Esto es incompatible con la corrupción imperante. Conde se gana la vida ahora con otras actividades, entre ellas la venta de libros de segunda mano, y sueña con convertirse en escritor. Cuba, y sobre todo La Habana, se encuentra en estado de excepción. La novela se desarrolla en 2016, en el contexto de la visita del presidente estadounidense Obama y del concierto de los Rolling Stones en La Habana, por lo que todos los cuerpos de seguridad se encuentran en