Ein brutales, aufwühlendes, aber notwendiges Buch! Eine Absage an religiöse Bigotterie, politisch-religiösen Fanatismus und staatlich aufoktroyiertes Vergessen! In der algerischen Hafenstadt Oran, dem Schauplatz von Albert Camus´ “Die Pest“, lebt die 26jährige Aube, Morgenröte. Das ist ihr zweiter Name, denn sie wurde zweimal geboren. Das zweite Mal am 1.1.2000 im Alter von fünf Jahren, nachdem sie am 31.12.1999 als einzige ihrer Familie das Massaker (1000 Tote) islamistischer Terroristen in ihrem Heimatort Had Chekala schwerverletzt überlebt hatte. Mit halb durchgeschnittener Kehle und zerstörten Stimmbändern atmet Aube durch eine Kanüle in ihrem Hals. Sie spricht durch sie mit ihrer äußeren „Entenstimme“, unhörbar mit sich in ihrer inneren „Engelsstimme“. Aube ist in vielerlei Hinsicht eine „Anomalie“.  Sie ist zum einen die personifizierte andauernde Wunde des Landes, über die keiner mehr reden will oder darf. Mindestens genau so schlimm ist aber, dass sie sich dem herrschenden Frauenbild nicht unterwirft. Sie ist eine selbstbewußte junge Frau, verschleiert sich nicht, raucht, ist tätowiert, fährt Auto, trägt Hosen und betreibt einen Schönheitssalon. Alles Zutaten, die nicht nur den Imam der gebenüberliegenden Moschee, sondern auch alle rechtgläubigen Männer zur Weißglut treiben. Und sie muss immer wieder einen Preis dafür zahlen.  Aube befindet sich in einem permanenten inneren Dialog mit ihrer noch ungeborenen Tochter. Es geht nicht nur um ihr eigenes Schicksal, sondern vor allem um die bedrückende, rechtlose Situation der Frauen in ihrem Land. Einem Land, das Frauen „nicht oder nur nachts will“, „zum Vergnügen geiler Männer stumm und nackt“.  Die Frau ist nicht mehr als ein Opferschaf. Ihre Stimme setzt sich nur zusammen aus dem „ersticktem Schrei der Lust und dem schnell vergessenen Geburtsschrei“. Aube will ihrer ungeborenen Tochter ein solches Schicksal ersparen und abtreiben. Sie soll ins Paradies zurückkehren, „unerreichbar für Männer“. Aube will sich „rekonstruieren“, indem sie ihre Trümmer zusammensetzt und kehrt daher auf einer abenteuerlichen, ja lebensgefährlichen Fahrt in ihr Dorf zurück. Sie will ihre Vergangenheit, aber vor allem ihre tote Schwester befragen, ob sie das Kind austragen soll. Von Polizisten ausgeraubt, wird sie von einem LKWFahrer mitgenommen, der ein wandelndes Lexikon aller Gräueltaten aus dem Bürgerkrieg ist. Dieser innere Dialog mit ihrem Ungeborenen findet gleichsam in einem mentalen Gefängnis statt, dessen Mauern aus eigenem Schicksal, den Folgen des Bürgerkriegs und dem offiziellen Verschweigen und Vergessen bestehen. „Das Vergessen ist die Gnade Gottes, aber auch die Ungerechtigkeit der Menschen“. Noch problematischer ist es, wenn staatlicherseits das Thema zum Tabu dekretiert wird. Genau dies geschah durch die 2005 verabschiedete „Charta für Frieden und Nationale Versöhnung“: „Das ganze Land verband nicht seine Wunden, sondern radierte sie aus und zog sie in Zweifel, lüftete schließlich durch“. Das Buch tut jedoch genau das, was unter Androhung von mehrjährigen Gefängnisstrafen in Algerien verboten ist. Es schildert weit über das Schicksal Aubes hinaus mit brutaler Offenheit und vielen Details die Gräuel des rund 10jährigen blutigen Bürgerkrieges in Algerien zwischen 1992 und 2002, dem „schwarzen Jahrzehnt“, der etwa 200 000 Menschen das Leben gekostet hat. „Huris“ ist ein Mahnruf, diesen erbarmungslosen Bürgerkrieg nicht aus der kollektiven Erinnerung auszutreiben, den Opfern, den Toten eine Stimme zu geben. Daoud legt die Abgründe irrationaler Fundamentalismen und grenzenloser Gewaltbereitschaft für die jeweils eigene und absolut gesetzte Wahrheit offen. „Huris“,  2024 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, konnte in Algerien nicht erscheinen. Daoud lebt seit 2023 im Exil in Paris. „Huris“ ist eines der beeindruckendsten, packendsten, traurigsten, aufwühlendsten Bücher, die ich seit langem gelesen habe. Das schlimmste Kapitel ist das über die Nacht des Überfalls, das eine unglaubliche Intensität entfaltet, die Beklemmung wächst mit jeder Seite. „Huris“ ist kein Buch, das man einfach so durchliest, und schon gar keine Lektüre kurz vorm Einschlafen. Pausen sind nötig, man muss verarbeiten, Abstand gewinnen, bevor man sich wieder auf diese Gräuel einlassen kann. Das Buch lässt einen mit Wut, mit dem Gefühl von Machtlosigkeit zurück. Es stellt angesichts vieler Vorgänge in der Welt aber auch die drängende Frage, wie mit solchen Herausforderungen umzugehen ist und wie freiheitliche Gesellschaften zu schützen, zu retten sind. Sehr berührend sind die kurzen letzten Kapitel. In den Ruinen ihres Elternhauses findet Aube ihre Erlösung. Sie erinnert sich an Details der Mordnacht, kann diese nun einordnen und verstehen. Ihre Schwester hatte sich für sie geopfert, ihr durch stumme Zeichen bedeutet, sie solle „Verstecken“ spielen und sich tot stellen. Aube bittet ihre Schwester um Entschuldigung, „nicht dafür, dass ich nicht mit Dir gestorben bin, sonden dafür, nicht gelebt zu haben“. Aube, die sich 21 Jahre als sterbende „Schattengestalt“ gesehen hatte, wird sich des Geschenks ihres Lebens bewußt, für sich und ihr noch ungeborenes Kind. Diese beeindruckende junge Frau, die sich viele Jahre mühsam durch ihre „inneren Winter“ quälen musste, stößt wie Camus in seiner „Heimkehr nach Tipasa“ zu ihrem „unbesiegbaren Sommer“ durch. Ein Schluss, der nach so viel Ungerechtigkeit, Elend, Leid und Tod schlichtweg gut tut! Dieses aufrüttelnde Buch hätte mehr Aufmerksamkeit und Diskussion in Deutschland und Europa verdient. 2025 wurde in Paris gegen Daoud ein Prozess eröffnet. Eine Algerierin wirft ihm vor, ihre Geschichte, deren Einzelheiten sie seiner Frau, bei der sie in psychologischer Behandlung war, anvertraut habe, ohne ihr Einverständnis in dieser Form veröffentlicht zu haben und verlangt Schadensersatz. Kamel Daoud: Huris, Matthes&Seitz, 2025, ISBN: 978-3-7518-1031-9 Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller