von Ilona Haberkamp DEM VERGESSEN ENTRISSEN!! Für Jazzfreunde bieten die Leipziger Jazztage immer etwas Besonderes. Ende 2025 war es neben den musikalischen Darbietungen der Dokumentarfilm über die Leipziger Jazzpianistin Jutta Hipp, die im Nachkriegsdeutschland, dann aber vor allem in den USA Karriere machte.  Ich bin nur Jazz-Fan, kein Jazz-Experte, hatte vielleicht deshalb von Jutta Hipp bis dahin nichts gehört.  „Being Hipp-First Lady of European Jazz“ , noch bis zum 24. 4.26 bei arte zu sehen, weckte jedoch mein Interesse, mehr über diese Künstlerin zu erfahren. Das kann man in der Hipp-Biographie der Jazzsaxophonistin Ilona Haberkamp.  1925 in Leipzig-Connewitz geboren, früh Klavierunterricht erhalten, entdeckt Hipp noch während der Nazizeit ihre Begeisterung für Jazz, in diesen dunklen Jahren als „entartete Musik“ verboten. Sie studiert Graphik, macht nebenbei Musik. Aus dem erhofften Aufbruch nach Kriegsende, Jazz steht für  „Freiheit und Demokratie“, wird jedoch nichts. Hipp muss bereits in den Anfangsmonaten der russischen Besatzung erkennen, dass die Unfreiheit nur die ideologische Begründung gewechselt hat. Sie flieht in den Westen und spielt in verschiedenen US-amerikanischen Clubs in München und Umgebung. 1948 bringt sie ihren Sohn auf die Welt, der Vater ist ein unbekannter afroamerikanischer GI. Ihren Sohn gibt sie zur Adoption frei, sie wird ihn nie wieder sehen. Beruflich geht es aufwärts für Jutta Hipp. Sie spielt in bekannten Bands und mit Künstlern wie Dizzy Gillespie und gründet 1953 ihr eigenes Quintett.1955 wird sie zur besten Jazzpianistin Deutschlands gekürt. Bereits 1953 war sie in den USA entdeckt worden. 1955  wandert sie in die USA aus und wird nie mehr nach Deutschland zurückkehren. In den USA beginnt ein Erfolgs- und ein Leidensweg.  Sie spielt in verschiedenen Besetzungen in bekannten Clubs, geht auf Tournee und ist für berühmte Jazz-Künstler eine gefragte Partnerin. In dem Label Blue Note, gegründet von zwei deutschen Juden, Alfred Lion und Francis Wolff, die rechtzeitig dem Nazi-Terror entkommen waren, erfolgreich verlegt zu werden, ist der Durchbruch. Hipp hatte bewiesen, dass sie sich in der Machowelt der Jazzszene, in der Frauen die absolute Ausnahme waren, durchsetzen konnte. Sie weiss, was sie kann. Auf lange Sicht reicht ihr Selbstwertgefühl für diesen Dschungel jedoch nicht aus. Sie sieht ihren Erfolg als unverdient an. Mit einem Kommerzialisierungsgen ist sie nicht auf die Welt gekommen und nach eigener Einschätzung auch „keine Scheinwerferperson“. Die Probleme nehmen zu. Ihr musikalischer Stilwechsel wird kritisiert, sie verliert ihren Manager, aber auch andere Unterstützer; auch mit Kollegen gibt es Probleme, nicht zuletzt weil sie mit ihrem zeichnerischen Talent Karikaturen anfertigt, was ihre Musikerkollegen nicht sehr amused. Der brodelnde Rassismus mit seinen Ungerechtigkeiten und die Drogensucht in der Szene überrennen sie genauso wie die Vermarktungsstrategien ihrer weißen Förderer. Ende der 50er gerät die Jazzszene insgesamt in eine Krise, das Clubsterben beginnt und für Hipp wird es im Kontext ihres reduzierten Unterstützerumfeldes immer schwieriger Engagements zu finden. Verunsicherung und Stress wachsen, ihr Alkoholproblem hat sie seit Deutschland immer weniger unter Kontrolle. Vielleicht auch vor dem Hintergrund des Todes ihrer beiden Idole Lester Young und Billie Holiday 1959 aufgrund Drogen – und Alkoholmissbrauchs zieht Hipp die Reißleine und vollzieht einen radikaler nicht denkbaren Wechsel. Sie bricht komplett mit ihrem bisherigen Leben, entzieht sich dem „rat race“ und nimmt einen Fabrikjob als Näherin an. Sie braucht einen geregelten, weniger belastenden und wirtschaftlich sicheren Alltag. Das Klavierspielen gibt sie vollständig auf. Erst 1973 beginnt sie mit dem Malen und nimmt auch an Ausstellungen teil. Sie gerät derart in Vergessenheit, dass ihr erst 2001 ausstehende Tantiemen in Höhe von 40.000.- Dollar gezahlt werden.   In den 80er Jahren beginnt  man sich langsam an Hipp zu erinnern, Artikel, Interviews, einige Neuauflagen ihrer Aufnahmen. Eine Rückkehr in die Szene, selbst nur Klavierspielen ist ein Tabu: Hipp in einem Interview 1986: „Lasst mich im Schatten gedeihen, in der Sonne sterbe ich“. Sie will nur „RUHE,  NATUR, FRIEDEN“. Am 7.4.2003 stirbt Hipp vereinsamt in ihrer New Yorker Wohnung, ihr Umfeld erfährt erst jetzt, wer sie wirklich war. Das Buch zeichnet mit sehr viel Sympathie und Anteilnahme den Weg eines außerordentlichen Jazztalents nach. Man lernt aber nicht nur Hipp, sondern auch einige andere Stars vor allem der US-amerikanischen Jazzszene mit all ihren ihren Begabungen, aber auch charakterlichen Defiziten kennen. Man lernt einiges über die Entwicklung der Jazzwelt in den Nachkriegsjahrzehnten, gewinnt Einblicke in den weniger glamourösen Alltag hinter und abseits der Bühne. Wir begleiten eine Frau in ihren ersten Lebensjahrzehnten mit ihren Träumen, ihrem Aufstieg, ihren Kämpfen, ihren Unsicherheiten, ihren Niederlagen und Gefährdungen. Wir begegnen einer Frau, die  sich selbst das Leben rettet, indem sie einen dramatischen und über Jahrzehnte konsequent durchgehaltenen Schlussstrich unter einen wichtigen Lebensabschnitt zieht. Diese Kraft hat nicht jeder! Eine beeindruckende, berührende Vita, man leidet mit, man bedauert. Aber: Wie aus persönlichen Gesprächen berichtet wird war Jutta Hipp mit sich im Reinen und hatte ihren Frieden gefunden. Und das ist letztlich doch das Wichtigste im menschlichen Leben, unabhängig davon, was andere über einen denken. Das Buch ist mit Fotos über Hipps Lebensweg, aber auch ihren Malereien, Karikaturen und prägnanten Gedichten über Jazzkollegen interessant ausgestaltet.  Und wer sich mit ihrem musikalischen Werk vertraut machen will, findet im Netz nahezu alles. Es lohnt sich, reinzuhören! Danke an den Wolke-Verlag für das Rezensionsexemplar Ilona Haberkamp: Plötzlich Hipp. Das Leben der Jutta Hipp zwischen Jazz und Kunst, Wolke Verlag 2.A 2023 „Being Hipp – First Lady of European Jazz“, Regie: Anna Schmidt, Koproduktion des MDR /BR für arte