Texte und Reden Nino Haratischwili ist nicht nur eine international erfolgreiche Schriftstellerin (epochale Romane wie „Das mangelnde Licht“ oder „Das achte Leben“), sie ist auch eine engagierte Kämpferin für ein demokratisches Georgien, das Land, aus dem sie stammt. Die Frankfurter Verlagsanstalt hat in ihrer neuen Pocket-Reihe nun Texte und Reden von Haratischwili zwischen 2013 und 2025 herausgegeben: „Europa, wach auf!“ Mehrere Themen ziehen sich wie rote Fäden durch alle Beiträge. Zum einen geht es um den langwierigen und schmerzhaften Prozess der Identitätsfindung einer Frau, die, in Georgien geboren, inzwischen als deutsche Staatsbürgerin überwiegend in Deutschland lebt. Die Selbstverortung, vielleicht besser gesagt das Hin- und Hergerissen-Sein zwischen Georgien und Deutschland, der sich mit dem jeweiligen Abstand schärfende Blick auf jedes der Länder, ist an sich schon eine komplexe und schwierige Situation. Viele Jahre, bis zu ihrem „Befreiungsbuch“ <Das achte Leben>, lebte Haratischwili in einem Geflecht von Fremdzuschreibungen, die über lange Zeit ein „und“, eine Verbindung zwischen „zwei Welten“ nahezu unmöglich machten, vielmehr immer Rechtfertigungen, Entscheidungen und damit Einseitigkeiten einforderten. Diesen Zwang zu einem „Entweder-Oder“ empfindet Haratischwili als Verweigerung „der Möglichkeit einer Begegnung auf Augenhöhe“. Haratischwili lässt einen intensiv und berührend teilhaben an diesem Versuch, anzukommen, an dieser Suche, ja Sehnsucht nach Zugehörigkeit, an dem Prozess der Identitätsfindung. Vor diesem sehr persönlichen Erfahrungshintergrund plädiert Haratischwili mit Blick auf die Debatte um Migration und Einwanderung und einer angemessenen Willkommenskultur für „einen Dialog, der die Mitte nicht ausschließt und nicht nur von den Rändern her geführt wird“. Einer der eindringlichsten Beiträge ist sicherlich der titelgebende „Europa, wach auf“, in dem sie auch ihre sehr persönlichen Erfahrungen als Heranwachsende in Georgien mit einbringt, diese Erfahrungen aber auch in den aktuellen Kontext einbindet. Haratischwili hatte schon lange, auch lange vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 und aufgrund eigener leidvoller Erfahrungen mit Russland und seinen Kriegen auch gegen Georgien und anderen Ländern der Region einen unverstellten, klaren Blick auf die neokoloniale, neoimperialistische expansionsbrutalität Russlands. Für sie ist klar: Europa ist gefordert. Schon lange warnt Haratischwili Europa davor, sich in sich selbst oder hinter vermeintlich sichere Grenzen zu verkriechen und die Augen vor der brutalen Realität zu verschießen: „Europa, deine Ränder schmelzen und die Albträume kriechen über die Schutzmauern“. Der Westen, der sich immer in der trügerischen Selbstberuhigung einlullte, dass die Konflikte „weit von unserer Wohlstandsgesellschaft entfernt“ stattfinden, sollte, so Haratischwili, seinen Urlaub beenden und den eigenen Materialismus auf den Prüfstand stellen: Denn „kein Geld der Welt ist es wert, dass man im 21. Jahrhundert zulässt, dass Kinder in Bunkern und Kellern auf die Welt kommen und von Sirenen und Bomben begrüßt werden“. Es geht um den Kampf für „Demokratie, Freiheit, Würde, und das Leben selbst“. Erschreckend für mich ist, dass Haratischwili mit ihrem Engagement für das Überleben der Demokratie in Georgien, ja der Region, nahezu alleine als Ruferin in der Wüste unterwegs ist, so gut wie nicht unterstützt von der schreibenden Zunft, die sich doch ansonsten auch intensiv um alle anderen Weltgegenden kümmert. Und Georgien und seine Nachbarn liegen vor unserer Haustür! Ein sich durch die Beiträge ziehendes Thema ist auch die Rolle der Kunst in der Gesellschaft und für die Politik. Sie bricht eine Lanze für die Kunst, aber nicht nur wie zu vermuten, die Literatur, sondern insbesondere, als ausgebildete Theaterregisseurin wiederum nicht verwunderlich, für das Theater, an dessen Performanz („selbst verbarrikadiert und um sich selbst drehend“) sie leidet. Ein Herzensanliegen, dem man sich nur mit aller Kraft anschließen kann, sind ihre Aufrufe zum Dialog. Heraus „aus unseren sichergewähnten <Bubbles>“: „Wir müssen einander Zeit geben. Und vor allem: Wir müssen wieder Haltung zeigen“. Das wird nicht einfach, denn unsere Debattenkultur ist nicht nur verkümmert, sie ist zu einem beängstigenden Teil schlichtweg inexistent oder verroht. Wir müssen eine demokratische Debattenkultur wieder gewinnen. Und dazu gehört essenziell, Unterschiede, Gegensätze auszuhalten, ohne in unversöhnliche Gegnerschaften oder gar Feindschaften zu verfallen. Das ist das, was Demokratie so schwierig macht, aber es ist ihr Lebenselexier, profaner ausgedrückt, der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. Selten habe ich in einem Buch derart viel unterstrichen, angemerkt…ich könnte seitenweise zitieren…Aber besser ist: Selbst lesen- diese Texte haben es in sich! Nino Haratischwili: Europa, wach auf! Texte und Reden Frankfurter Verlagsanstalt 2025 1