Reseña también en español! 23.Oktober 1980 bricht eine Tragödie über das kleine baskische 9000 Seelendorf Ortuella herein. Eine Gasexplosion unter der Dorfschule reißt 50 kleine Schulkinder und drei Erwachsene in den Tod. Auf dieser realen Begebenheit beruht das neue Buch des baskischen Schriftsteller Fernando Aramburu. Neunzig Prozent der Einwohner von Ortuella waren Migranten aus ärmeren Regionen Spaniens, die hier ihren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen wollten. Viele dieser Kinder, und mit ihnen die Zukunftshoffnungen, waren jetzt unter den Trümmern der Schule begraben. Darunter auch der sechsjährige Nuco, das Kind von Mariaje und José Miguel. So banal es klingen mag: Kinder sollten nicht vor ihren Eltern sterben. Ich kann mir für Eltern nichts Schlimmeres vorstellen, als ihr Kind zu Grabe tragen zu müssen.  Hohe Opferzahlen erschrecken, anonymisieren aber gleichzeitig den unermesslichen Schmerz, der sich hinter jedem Einzelschicksal für die jeweilige Familie verbirgt. Durch die Geschichte Nucos individualisiert Aramburu diese Tragödie, gibt gleichsam stellvertretend den Toten ein Gesicht, ein Leben, eine Geschichte und den Familien eine Stimme. „Der Junge“ ist ein Buch von Tod, Unglück, Trauer, Aushalten und Weiterleben. Es zeigt, wie persönlich, und im Kern unteilbar die Trauer ist. Wie, wenn überhaupt, gelingt ein neuer Anfang? Es gibt den Kampf gegen das Vergessen. Aber es gibt auch das Bemühen um Vergessen und neue Anfänge. Weil das Leben eben schlichtweg das macht, was es am besten kann, es geht einfach weiter. Jeder muss nach einer solchen Tragödie für sich ausmachen, wie er weiterleben will und kann. Die extremste Form wählt sicherlichNicasio, der Opa von Nuco. Das Duo Opa und Enkel war von Geburt an eine prägende Erscheinung im Viertel, sie vergötterten sich gegenseitig. Nicasio will den Tod seines Enkels nicht wahrhaben, auch wenn er, komme was da wolle, sein festes Ritual entwickelt– jeden Donnerstag besucht er das Grab seines Enkels. Dabei bleibt es aber nicht. Die Diskussion zwischen Mariaje und José Miguel, ob und was als Erinnerung an den toten Sohn aufgehoben werden soll, löst Nicasio insofern, als er mit einem Umzugsunternehmen das gesamte Zimmer seines Enkels abtransportieren und bei sich zu Hause wieder aufbauen lässt.  Er zieht Vögel den Menschen vor, “braucht und sucht die Einsamkeit, viel Einsamkeit” und zieht sich weitestgehend in seine Parallelwelt zurück, in der er in einem nahezu ununterbrochenen Gespräch mit seinem über alles geliebten Enkel weiterlebt. Im Ort gilt er zunehmend als zumindest verschroben, wenn nicht verrückt. Seine Tochter Mariaje ist nicht in der Lage, sich „eine parallele Realität“ zu erfinden. Sie muss in der realen Welt mit sich, aber auch ihrer Beziehung zu ihrem Ehemann klarkommen. Ihre Sicht, ihre Gedanken und Gefühle werden differenziert dargestellt, bei ihr ist von den drei Hauptpersonen des Buches am deutlichsten eine Entwicklung festzustellen. In der kurzen Phase, in der noch Hoffnung für das Überleben ihres Kindes zu bestehen scheint, bricht sich Egoismus Bahn und sie, „grade so religiös wie der Brauch es will“, betet zu Gott, dass er andere Kinder nehmen soll. Nach der Todesnachricht empfindet sie so eigenartige Gefühle wie das, „betrogen worden zu sein. Eine so schwere und schmerzhafte Geburt und das alles nur für sechs Jahre“. Schon bei dem nicht schilderbaren Sterben ihrer Mutter stellte sich für Mariaje die wohl zentrale Frage des Buches “Für was, verflucht noch mal, dient der Schmerz“? Eine eher blasse, untergeordnete Rolle spielt José Miguel, Vater und Ehemann, sieht man von seiner bedingungslosen Liebe für seinen Sohn Nuco ab. Nur einmal, völlig unüblich für ihn, scheint José Miguel das Zepter in die Hand zu nehmen, als sie sich auf sein Drängen hin entschließen, ein weiteres Kind zu bekommen, allerdings ohne Erfolg. Diese Absicht führt dann Schritt für Schritt zur Aufdeckung eines Geheimnisses und einer weiteren Tragödie. José Miguel ertrinkt bei einem Angelausflug, immer mehr verdichtet sich die Vermutung, dass es sich dabei nicht um einen Unfall, sondern um Selbstmord gehandelt hat. Die überschäumende Liebesbeziehung scheint es zumindest für Mariaje nicht gewesen zu sein. Sie stellt sich schon manchmal die Frage, warum sie ihn geheiratet hat, „auf der einen Seite herzensguter Mensch, auf der anderen Seite unsicher und ein Ass der Langeweile“. Ihre Paarbeziehung empfindet Mariaje am Ende als Leerraum, eine „nicht sehr ausgedehnte Wüste“, aber „undurchdringlich und voller Dunkelheit“. Sie fühlt sich von einer Art Ohnmacht betroffen, „mit der Lust, nichts zu fühlen“. So gesteht sie sich nach dem Tod José Miguels ein, dass er aufgehört hat, ihr zu gefallen. Der Tod des Jungen habe sie für vieles unsensibel gemacht, was sie in der Vergangenheit beeindruckt hätte. Von ihrer Freundin Garbiñie abgesehen scheint sich Mariaje, „eingesperrt im Gefängnis meines Schmerzes“ , auf dem Weg in die völlige Vereinsamung zu befinden. Ihre Verlorenheit bringt sie in das Bild der viele Kilometer immer geradeaus durch die Wüste verlaufenden Straßen in Teilen der USA, „immer in der Hoffnung hinter dem Horizont, einen Grund, ein Ziel, einen Bestimmungsort zu finden“.  Mariaje, die zunächst meint, in ihrer Einsamkeit würde ihr nur ein weiteres Kind helfen, von wem auch immer, findet jedoch ganz langsam wieder ins Leben zurück. Sie kauft sich mit der Abfindung für den Tod ihres Jungen als Teilhaberin in das Friseurgeschäft ihrer Freundin ein und, ohne hier allzu viel zu verraten, am Ende des Buches verabschieden wir uns von ihr als einer mit sich im Reinen befindlichen Frau. Ein interessantes Format hat Aramburu insofern gefunden, als er in Einschüben den Text selbst zum Leser sprechen lässt und darin beispielsweise Kritik an der Berichterstattung und Bildern in den Zeitungen übt, das Geschehen und sein Schreiben gleichsam von außen reflektiert. Aramburu bricht die kollektive Tragödie auf eine konkrete Familie herunter. Seine schlichte Sprache, die nicht ins Sensationalistische, aber auch nicht in ertränkendes (Selbst)mitleid abdriftet, ermöglicht Nähe, Mitleiden, den Weg von Nucos Familie ein Stück mitzugehen. Mehr kann man von Literatur nicht erwarten. Netflix hat angekündigt, das Buch zu verfilmen. Fernando Aramburu: Der Junge, Rowohlt Verlag Übersetzt von Willi Zurbrüggen ISBN 978-3-498-00738-6 Fernando Aramburu: El niño Tusquets ISBN 978 84 1107 444 5