{"id":2311,"date":"2026-09-03T17:40:29","date_gmt":"2026-09-03T17:40:29","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=2311"},"modified":"2026-09-03T17:40:31","modified_gmt":"2026-09-03T17:40:31","slug":"uwe-neumahr-die-buchhandlung-der-exilanten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/n\/uwe-neumahr-die-buchhandlung-der-exilanten\/","title":{"rendered":"Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten."},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Paris 1940. Zuflucht und Widerstand<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_5626-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2312\" style=\"width:840px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_5626-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_5626-225x300.jpeg 225w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_5626-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_5626-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_5626-9x12.jpeg 9w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_5626-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Denkmal f\u00fcr zwei starke Frauen: Die Franz\u00f6sin Adrienne Monnier und die US-Amerikanerin Sylvia Beach. So einfach k\u00f6nnte man dieses Buch zusammenfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Engagiert, couragiert, furchtlos entziehen sie sich vielen zeitgen\u00f6ssischen Konventionen, nicht zuletzt der herrschenden Sexualmoral und leben zusammen, und das im konservativen Frankreich, wo erst 1944 das Frauenwahlrecht eingef\u00fchrt wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden machen \u201eihr Ding\u201c &#8211; und das hei\u00dft zun\u00e4chst, sie verschreiben sich der Literatur, leben f\u00fcr B\u00fccher und Kulturtransfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ihren beiden gegen\u00fcberliegenden Buchhandlungen \u201eShakespeare &amp;Company\u201c sowie&nbsp;&nbsp;\u201eLa Maison des Amis des Livres\u201c schreiben diese beiden Frauen \u00fcber fast drei\u00dfig Jahre Kulturgeschichte. Denn ihr Engagement ging weit \u00fcber das \u201eAlltagsgesch\u00e4ft\u201c eines \u201enur\u201c Buchh\u00e4ndlers hinaus. Sie waren Autorinnen, Verlegerinnen, Literaturagenten, Helferinnen in vielen Lebens- und vor allem Notlagen, Lebensretterinnen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Der Untertitel f\u00fchrt mit seiner Jahresangabe in die Irre, denn dieses Buch speilt nicht nur im Jahr 1940, sondern behandelt die Jahre zwischen 1917 und 1945.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Jahren gibt sich in diesen Buchhandlungen so ziemlich alles was Rang und Namen hat, oder einen bekommen wird, die Klinke in die Hand: Sartre, Hemingway, Gertrude Stein, Andr\u00e9 Gide, James Joyce, Krakauer, Orwell, Benjamin, J\u00fcnger, Picasso, Beauvoir, Valery, Eliot, John Dos Passos, Ezra Pound u.v.a.m.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir treffen auf menschliche St\u00e4rken und menschliche Schw\u00e4chen. Es gibt bedingungslose Freundschaften und Solidarit\u00e4t gerade in schwierigen Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das extreme Gegenbeispiel ist sicherlich James Joyce, dessen Karriere ohne Sylvia Beach kaum denkbar ist und der sich vorsichtig ausgedr\u00fcckt, als undankbares Charekterschw\u2026entpuppt. Und es stellt sich wie nicht selten die Frage, ob und inwieweit man Autor und Werk trennen kann oder sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die versuchte Heldentat Hemingways in den letzten Kriegstagen, das Hotel Ritz, sprich, dessen Whisky-Vorr\u00e4te zu befreien, war mir neu, und ist eine von zahlreichen, oftmals unbekannten Anekdoten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Titelbild ist nicht so ganz kongruent mit dem Inhalt, denn Adrienne Monnier nimmt breiteren Raum als Sylvia Beach, aber Hemingway mit Kopfverband war wohl ein Eye-Catcher, auf den man aus Marketinggesichtspunkten nicht verzichten zu k\u00f6nnen glaubte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das permanente Springen zwischen den Jahren (mal ist man im Jahre 1922, dann pl\u00f6tzlich im Hungerwinter 1941\/42, dann wieder in 1936\u2026) mag Geschmackssache sein, meiner ist es nicht. Ein chronologischer Aufbau h\u00e4tte dem Buch keinerlei Abbruch getan.<\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fccherliebe, ja -vernarrtheit dieser beiden Frauen, Adrienne gr\u00fcndete die erste Leihb\u00fccherei, ber\u00fchrt und fasziniert. Denn diese altruistische Form der B\u00fccherleidenschaft war ein permanentes betriebswirtschaftliches Problem.<\/p>\n\n\n\n<p>Thematisiert werden auch die Erscheinungsformen und Auswirkungen der Besatzungs- und Kollaborationskultur auf das literarische Paris, Ernst&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcnger und Gertrude Stein stehen dabei im Vordergrund. Aufschlussreich vor allem die Schilderung der kritischen und negativen Aspekte von Gertrude Stein, deren antisemitische Orientierung und Hitler-Unterst\u00fctzung mir in dieser Form nicht bekannt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sartre charakterisierte die deutsche&nbsp;&nbsp;Besatzung als \u201everstecktes Gift\u201c, das&nbsp;&nbsp;\u201eVersteinerung\u201c bewirke. In dieser Situation wurden Sylvia und Adrienne und ihre Buchhandlungen zu \u201eOrten der Zuflucht und des Widerstandes\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem h\u00e4ufigen Kampf ums wirtschaftliche \u00dcberleben kam nun der Kampf um das physische \u00dcberleben, die Angst vor der Gestapo, der Verhaftung und Deportation hinzu. Schlichtweg bewundernswert, wie diese beiden Frauen diese Jahre so gestalten und \u00fcberleben konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es werden eine Reihe von Einzelschicksalen nachgezeichnet, der Tod von Walter Benjamin sicherlich eines der bekanntesten. Weniger bekannt d\u00fcrfte sein,&nbsp;&nbsp;dass Theodor Adorno im sicheren US-amerikanischen Exil immer Angst hatte, dass Benjamin zu marxistisch sei, das in Amerika schlecht aussehe und die Finanzierung seines Instituts gef\u00e4hrden k\u00f6nne. Tja, Solidarit\u00e4t und Egoismus \u00fcberschneiden sich oft. Aber wie war das mit dem richtigen im falschen Leben oder umgekehrt?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bis heute weitgehend unbekannte Helden werden gew\u00fcrdigt, wie beispielsweise der franz\u00f6sische Diplomat Henri Hoppenot, der viel zur Rettung deutsch-j\u00fcdischer Exilanten beigetragen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel unter vielen, was auch einzelne Menschen in schwierigen bis aussichtslos erscheinenden Situationen schaffen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein in seinem Detailreichtum manches Mal etwas \u00fcberforderndes, aber \u00fcberaus lesenswertes Buch \u00fcber wichtige Jahre europ\u00e4ischer politischer und Kulturgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940. Zuflucht und Widerstand<\/p>\n\n\n\n<p>C.H. Beck, 2026, ISBN:978-3-406-844942<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2311\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2311\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paris 1940. 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Sie waren Autorinnen, Verlegerinnen, Literaturagenten, Helferinnen in vielen Lebens- und vor allem Notlagen, Lebensretterinnen\u2026 Der Untertitel f\u00fchrt mit seiner Jahresangabe in die Irre, denn dieses Buch speilt nicht nur im Jahr 1940, sondern behandelt die Jahre zwischen 1917 und 1945. In diesen Jahren gibt sich in diesen Buchhandlungen so ziemlich alles was Rang und Namen hat, oder einen bekommen wird, die Klinke in die Hand: Sartre, Hemingway, Gertrude Stein, Andr\u00e9 Gide, James Joyce, Krakauer, Orwell, Benjamin, J\u00fcnger, Picasso, Beauvoir, Valery, Eliot, John Dos Passos, Ezra Pound u.v.a.m. Wir treffen auf menschliche St\u00e4rken und menschliche Schw\u00e4chen. Es gibt bedingungslose Freundschaften und Solidarit\u00e4t gerade in schwierigen Zeiten. Das extreme Gegenbeispiel ist sicherlich James Joyce, dessen Karriere ohne Sylvia Beach kaum denkbar ist und der sich vorsichtig ausgedr\u00fcckt, als undankbares Charekterschw\u2026entpuppt. Und es stellt sich wie nicht selten die Frage, ob und inwieweit man Autor und Werk trennen kann oder sollte. Die versuchte Heldentat Hemingways in den letzten Kriegstagen, das Hotel Ritz, sprich, dessen Whisky-Vorr\u00e4te zu befreien, war mir neu, und ist eine von zahlreichen, oftmals unbekannten Anekdoten. Das Titelbild ist nicht so ganz kongruent mit dem Inhalt, denn Adrienne Monnier nimmt breiteren Raum als Sylvia Beach, aber Hemingway mit Kopfverband war wohl ein Eye-Catcher, auf den man aus Marketinggesichtspunkten nicht verzichten zu k\u00f6nnen glaubte. Das permanente Springen zwischen den Jahren (mal ist man im Jahre 1922, dann pl\u00f6tzlich im Hungerwinter 1941\/42, dann wieder in 1936\u2026) mag Geschmackssache sein, meiner ist es nicht. Ein chronologischer Aufbau h\u00e4tte dem Buch keinerlei Abbruch getan. Die B\u00fccherliebe, ja -vernarrtheit dieser beiden Frauen, Adrienne gr\u00fcndete die erste Leihb\u00fccherei, ber\u00fchrt und fasziniert. Denn diese altruistische Form der B\u00fccherleidenschaft war ein permanentes betriebswirtschaftliches Problem. Thematisiert werden auch die Erscheinungsformen und Auswirkungen der Besatzungs- und Kollaborationskultur auf das literarische Paris, Ernst&nbsp; J\u00fcnger und Gertrude Stein stehen dabei im Vordergrund. Aufschlussreich vor allem die Schilderung der kritischen und negativen Aspekte von Gertrude Stein, deren antisemitische Orientierung und Hitler-Unterst\u00fctzung mir in dieser Form nicht bekannt waren. Sartre charakterisierte die deutsche&nbsp;&nbsp;Besatzung als \u201everstecktes Gift\u201c, das&nbsp;&nbsp;\u201eVersteinerung\u201c bewirke. In dieser Situation wurden Sylvia und Adrienne und ihre Buchhandlungen zu \u201eOrten der Zuflucht und des Widerstandes\u201c.&nbsp; Neben dem h\u00e4ufigen Kampf ums wirtschaftliche \u00dcberleben kam nun der Kampf um das physische \u00dcberleben, die Angst vor der Gestapo, der Verhaftung und Deportation hinzu. Schlichtweg bewundernswert, wie diese beiden Frauen diese Jahre so gestalten und \u00fcberleben konnten. Es werden eine Reihe von Einzelschicksalen nachgezeichnet, der Tod von Walter Benjamin sicherlich eines der bekanntesten. Weniger bekannt d\u00fcrfte sein,&nbsp;&nbsp;dass Theodor Adorno im sicheren US-amerikanischen Exil immer Angst hatte, dass Benjamin zu marxistisch sei, das in Amerika schlecht aussehe und die Finanzierung seines Instituts gef\u00e4hrden k\u00f6nne. Tja, Solidarit\u00e4t und Egoismus \u00fcberschneiden sich oft. Aber wie war das mit dem richtigen im falschen Leben oder umgekehrt? Auch bis heute weitgehend unbekannte Helden werden gew\u00fcrdigt, wie beispielsweise der franz\u00f6sische Diplomat Henri Hoppenot, der viel zur Rettung deutsch-j\u00fcdischer Exilanten beigetragen hat. Ein Beispiel unter vielen, was auch einzelne Menschen in schwierigen bis aussichtslos erscheinenden Situationen schaffen k\u00f6nnen. 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