{"id":2226,"date":"2025-12-11T12:17:47","date_gmt":"2025-12-11T12:17:47","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=2226"},"modified":"2025-12-11T20:16:59","modified_gmt":"2025-12-11T20:16:59","slug":"konrad-adenauer-kanzler-nach-der-katastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/f\/konrad-adenauer-kanzler-nach-der-katastrophe\/","title":{"rendered":"Konrad Adenauer. Kanzler nach der Katastrophe"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">von Norbert Frei<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4720-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2224\" style=\"width:840px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4720-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4720-225x300.jpeg 225w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4720-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4720-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4720-9x12.jpeg 9w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4720-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Kein Heiliger, aber \u201eein ganz gro\u00dfer H\u00e4uptling\u201c!<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Wochen vor seinem 150. Geburtstag am 5. Januar 2025 sind bereits drei neue Adenauer-Biographien erschienen, darunter die von Norbert Frei, emeritierter Historiker der Universit\u00e4t Jena.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Frei will keine \u201eakademische \u00dcbung\u201c vorlegen, sondern einen frischen Blick auf den ersten Kanzler der deutschen Nachkriegsdemokratie, der Bonner Republik, wagen um \u201ezu verstehen, wie wir seit 1949 wurden, was wir sind: in unserem politischen und kulturellen Selbstverst\u00e4ndnis als Deutsche und Europ\u00e4er, im Zuschnitt von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, im Umgang mit unserer Vergangenheit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in Zeiten, in denen zu h\u00e4ufig substanzlos schwadroniert wird, viele historische und schmerzliche&nbsp;&nbsp;Erfahrungen gedankenlos, nicht selten auch sehr bewu\u00dft \u00fcber Bord gekippt werden, ist ein solcher Blick in unsere pr\u00e4gende Vergangenheit sinnvoll und wichtig!&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Frei zeichnet, ohne sich in allzu viele biographische Details zu verlieren, kompakt den Werdegang Adenauers, beginnend mit seiner Zeit als K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeister, nach. Diese Jahre und Erfahrungen waren pr\u00e4gend daf\u00fcr, dass Adenauer sich zeitlebens als ein Mann der Exekutive verstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff der \u201eKanzlerdemokratie\u201c, verstanden als ein durch die Figur des Bundeskanzlers dominiertes Regierungssystem, ist im Wesentlichen auf die Adenauer-Zeit zur\u00fcckzuf\u00fchren. Aber die Zeiten, der Kontext einer \u201eKanzlerdemokratie\u201c haben sich in vielerlei Hinsicht ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schwerpunkt der Darstellung liegt naturgem\u00e4\u00df in der Nachkriegszeit, beginnend mit Adenauers Wiedereinstieg in die aktive Politik, seinem hart erarbeiteten Aufstieg in der Neugr\u00fcndung der CDU und seiner Wahl zum Bundeskanzler mit seiner eigenen Stimme. Ja, h\u00e4tte er denn gegen sich stimmen oder sich enthalten sollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die historischen Leistungen Adenauers werden werden prozesshaft analysiert und bewertet. Dazu z\u00e4hlen innenpolitische Grundentscheidungen wie die f\u00fcr die Soziale Marktwirtschaft, der entschiedene Kurs der Westintegration, deren Grundlage \u201eFreiheit vor Einheit\u201c war, wobei sich Adenauer, dies war mir neu, offensichtlich f\u00fcr die DDR auch einen \u00d6sterreich-Status vorstellen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu nennen ist die Auss\u00f6hnung mit dem \u201eErzfeind\u201c Frankreich, deren Adenauer-Priorit\u00e4t innerhalb der Union mit einer starken Atlantiker-Fraktion nicht unumstritten war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zu vergessen ist die Ann\u00e4herung an und die Wiedergutmachung am j\u00fcdischen Volk, den Begriff \u201eVers\u00f6hnung\u201c sah Adenauer aus israelischer Perspektive sehr kritisch, da dies vom j\u00fcdishen Volk zuviel verlangt sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Frei umgeht auch nicht den \u201eFall Globke\u201c. Gemeint ist damit das Vielen unverst\u00e4ndliche Festhalten Adenauers an seinem Staatssekret\u00e4r Globke, der als Kommentator an den N\u00fcrnberger Rassegesetzen der Nationalsozialisten mitgearbeitet hatte und f\u00fcr die Kontinuit\u00e4t von Nazi-Funktionseliten in der fr\u00fchen Bundesrepublik stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Unverst\u00e4ndlich f\u00fcr viele deshalb, da Adenauer selbst in keinster Weise mit den Nazis verbunden war, vielmehr von diesen als K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeister abgesetzt und verfolgt wurde. Er musste mehrere Male f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit untertauchen, um der Verhaftung zu entgehen, und verbrachte die Jahre des \u201eTausendj\u00e4hrigen Reiches\u201c ansonsten in der inneren Emigration. Nicht nur aus Verantwortung gegen\u00fcber seiner Familie lehnte er eine aktive Teilnahme am Widerstand ab. Er war vor allem der \u00dcberzeugung, dass die Nazi-Diktatur an sich selbst scheitern m\u00fcsse, es d\u00fcrfe zu keiner Neuauflage der die jungen Demokratie der Weimarer Republik belastenden \u201eDolchsto\u00dflegende\u201c kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem hegte Adenauer ein tiefes Misstrauen gegen\u00fcber seinen eigenen Landsleuten aufgrund der Nazi-Vergangenheit, dies schloss einen \u00fcberaus kritischen Blick auf seine eigene, die katholische Kirche mit ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch war sein praktisches Verhalten eher ein \u201etherapeutisches Beschweigen der Vergangenheit\u201c, um gesellschaftliche Integration zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frei enth\u00e4lt sich einer Bewertung dieses Verhaltens, sieht allerdings in der \u201eCausa Globke\u201c eine Dauerbelastung f\u00fcr Adenauer, ja ein \u201eStigma \u00fcber seinen Tod hinaus\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Frei zeigt einen in der parteipolitischen Auseinandersetzung alles andere als, vorsichtig ausgedr\u00fcckt, zimperlichen Politiker, f\u00fcr den, der ansonsten altersbedingt mit seinen Kr\u00e4ften haushalten musste, aber vor allem Wahlkampfzeiten der reine Jungbrunnen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Ironie der Geschichte geh\u00f6rt dann, dass dieser \u201eHaudrauf\u201c in den beiden dramatischen Krisen der jungen Bundesrepublik, dem Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 und dem Mauerbau am 13. August 1961 \u00fcberaus zur\u00fcckhaltend und mit gro\u00dfer realistischer und diplomatischer Vorsicht agierte, was ihm in der \u00d6ffentlichkeit jedoch als Z\u00f6gern und Wegducken ausgelegt wurde und seinen Ruf besch\u00e4digte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eindeutiger Schwerpunkt der ersten Adenauer-Jahre als Bundeskanzler war die wegen der umfassenden Kompetenzen der vier Besatzungsm\u00e4chte nur eingeschr\u00e4nkt gestaltbare Au\u00dfenpolitik, Adenauer war in den ersten Jahren auch sein Au\u00dfenminister.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erforderliche Drahtseilakt, als Vertreter eines nicht-souver\u00e4nen Staates sich gerade auch aus innenpolitischen Gr\u00fcnden gegen\u00fcber den Besatzungsm\u00e4chten nicht als unterw\u00fcrfiger Bittsteller zu gerieren forderte Adenauer Einiges ab.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Verhalten, seine Durchsetzungskraft gegen\u00fcber den Besatzungsm\u00e4chten, unvergessen seine \u00dcbertretung des alliierten Verbotes, den Teppich zu betreten, offenbarte nach Frei jedoch eine&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nlichkeit, \u201edie in ihrem nat\u00fcrlichen Selbstbewu\u00dftsein, ihrem politischen Geschick und ihrer unverkrampften W\u00fcrde kaum ihresgleichen hatte\u201c.&nbsp;&nbsp;In diesem Feld lag ohne Frage einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die wachsende Zustimmung zu Adenauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum bis heute in der Wirkungsgeschichte Adenauers unerreichbaren H\u00f6hepunkt wurde nach Frei aber, dass Adenauer 1955, zehn Jahre nach Kriegsende, wenngleich um den Preis der eigentlich nicht gewollten Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Sowjetunion, die Freilassung und Heimkehr von rund 10 000 \u00fcberlebenden Kriegsgefangenen erreichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der absoluten Mehrheit bei den Bundestagswahlen 1957, einmalig in&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>der Geschichte der Bundesrepublik, war Adenauer auf dem Zenit seiner Laufbahn angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch Adenauer z\u00e4hlt zu den gro\u00dfen Politikern, die den richtigen Zeitpunkt f\u00fcr einen w\u00fcrdigen, selbstgew\u00e4hlten R\u00fcckzug nicht nur verpassen, sondern vermasseln!<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ersetzbar hielt \u201eder Alte\u201c sich nicht, schon gar nicht durch seinen laut Adenauer mit dem politischen Verstand einer Zigarrenkiste ausgestatteten Nachfolger Ludwig Erhard.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller Kritik an Adenauer kann Frei aber auch eine gewisse Bewunderung nicht verleugnen. Wie Adenauer sich gegen alle Widerst\u00e4nde seine letzte Kanzlerschaft sicherte \u201elie\u00dfe sich als das ruchlose Ringen eines Besessenen erz\u00e4hlen- oder als Trickserei eines begnadeten Takrierers\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens mit der sogenannten Bundespr\u00e4sidentenkrise, Adenauer lieb\u00e4ugelte mit der \u00dcbernahme des Bundespr\u00e4sidentenamtes, machte dann aber kurzfristig einen R\u00fcckzieher, offensichtlich, weil er die tats\u00e4chlichen Machtbefugnisse des \u00fcberwiegend repr\u00e4sentativen Amtes falsch eingesch\u00e4tzt hatte, war der Zenit Adenauers \u00fcberschritten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein R\u00fcckhalt auch in der eigenen Partei br\u00f6ckelte zusehends, der \u201eautorit\u00e4r-patriarchalische F\u00fchrungsstil\u201c hatte sich \u00fcberlebt, die \u201eKanzlerd\u00e4mmerung\u201c und mit ihr eine \u201ediskursive Erstarrung\u201c setzten ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Den z\u00e4hen, unfreiwilligen&nbsp;&nbsp;Abschied von der Macht hat Adenauer bis zu seinem Tod nicht verwunden. Aber die Trauer, der Zuspruch, die Teilnahme hunderttausender Menschen auf seinem letzten Wege h\u00e4tten ihn sicher vers\u00f6hnlicher gestimmt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im R\u00fcckblick betrachtet nehmen sich solche erfolgreichen Lebensl\u00e4ufe wie der Adenauers oft als bruchlos, gradlinig, ja problemlos aus. So einfach ist das allerdings in aller Regel bei keinem Menschenleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Adenauer, zum Zeitpunkt seiner Wahl zum Bundeskanzler bereits 73 Jahre, hatte sein Berufsleben mit allen Aufs und Abs, w\u00e4hrend der Zeit w\u00e4hrend der Nazi-Diktatur zur Unt\u00e4tigkeit verdammt, vermeintlich hinter sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch war sein privater Lebensweg durch Schicksalsschl\u00e4ge gezeichnet. Im Kern war Adenauer trotz allen rheinischen Humors ein einsamer Mann, gepr\u00e4gt durch den fr\u00fchen Verlust seiner beiden Ehefrauen. Zusammen mit seiner Situation unter den Nazis f\u00fchrte dies selbst zu Selbstmordgedanken, f\u00fcr einen tiefgl\u00e4ubigen Katholiken eigentlich \u201eein im Grund undenkbarer Gedanke\u201c, die Verantwortung f\u00fcr seine sechs Kinder \u00fcberwog jedoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Frei hat eine sehr gut lesbare, informative, kritisch-ausgewogene, die&nbsp;&nbsp;Gesamtleistung Adenauers zutreffend w\u00fcrdigende Biographie des \u201eKanzlers nach der Katastrophe\u201c vorgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Buch ist alles andere als eine Hagiographie. Er zeichnet die verschiedenen Facetten eines oszillierenden Charakters: \u201eStolz und stur, aber nicht eitel oder selbstgef\u00e4llig\u201c, \u201efordernd, anspruchsvoll, rechthaberisch\u201c, durchsetzungsstark, \u201enotorischer Zivilist\u201c, kein \u201eHurra-Patriot\u201c, tiefgl\u00e4ubiger Katholik, lernstarker Demokrat, um nur einige zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Adenauer-Biographie ist gerade auch f\u00fcr die j\u00fcngeren Generationen, die allenfalls noch den Namen Adenauer kennen, auch eine gute Einf\u00fchrung in deutsche Nachkriegs- und Gr\u00fcndungsgeschichte der Bundesrepublik!<\/p>\n\n\n\n<p>Rudolf Augstein, der legend\u00e4re Spiegel-Herausgeber, zun\u00e4chst Adenauer-Bewunderer, dann Adenauer-Gegner, dann wieder auf Ann\u00e4herungskurs zum \u201eAlten\u201c, fasste dessen Lebensleistung markant zusammen: \u201eEr war ein ganz gro\u00dfer H\u00e4uptling\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danke an den Beck-Verlag f\u00fcr das Rezensionsexemplar<\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2226\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2226\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Norbert Frei Kein Heiliger, aber \u201eein ganz gro\u00dfer H\u00e4uptling\u201c! Wenige Wochen vor seinem 150. Geburtstag am 5. Januar 2025 sind bereits drei neue Adenauer-Biographien erschienen, darunter die von Norbert Frei, emeritierter Historiker der Universit\u00e4t Jena.&nbsp; Frei will keine \u201eakademische \u00dcbung\u201c vorlegen, sondern einen frischen Blick auf den ersten Kanzler der deutschen Nachkriegsdemokratie, der Bonner Republik, wagen um \u201ezu verstehen, wie wir seit 1949 wurden, was wir sind: in unserem politischen und kulturellen Selbstverst\u00e4ndnis als Deutsche und Europ\u00e4er, im Zuschnitt von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, im Umgang mit unserer Vergangenheit\u201c. Gerade in Zeiten, in denen zu h\u00e4ufig substanzlos schwadroniert wird, viele historische und schmerzliche&nbsp;&nbsp;Erfahrungen gedankenlos, nicht selten auch sehr bewu\u00dft \u00fcber Bord gekippt werden, ist ein solcher Blick in unsere pr\u00e4gende Vergangenheit sinnvoll und wichtig!&nbsp;&nbsp; Frei zeichnet, ohne sich in allzu viele biographische Details zu verlieren, kompakt den Werdegang Adenauers, beginnend mit seiner Zeit als K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeister, nach. Diese Jahre und Erfahrungen waren pr\u00e4gend daf\u00fcr, dass Adenauer sich zeitlebens als ein Mann der Exekutive verstand. Der Begriff der \u201eKanzlerdemokratie\u201c, verstanden als ein durch die Figur des Bundeskanzlers dominiertes Regierungssystem, ist im Wesentlichen auf die Adenauer-Zeit zur\u00fcckzuf\u00fchren. Aber die Zeiten, der Kontext einer \u201eKanzlerdemokratie\u201c haben sich in vielerlei Hinsicht ge\u00e4ndert. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt naturgem\u00e4\u00df in der Nachkriegszeit, beginnend mit Adenauers Wiedereinstieg in die aktive Politik, seinem hart erarbeiteten Aufstieg in der Neugr\u00fcndung der CDU und seiner Wahl zum Bundeskanzler mit seiner eigenen Stimme. Ja, h\u00e4tte er denn gegen sich stimmen oder sich enthalten sollen? Die historischen Leistungen Adenauers werden werden prozesshaft analysiert und bewertet. Dazu z\u00e4hlen innenpolitische Grundentscheidungen wie die f\u00fcr die Soziale Marktwirtschaft, der entschiedene Kurs der Westintegration, deren Grundlage \u201eFreiheit vor Einheit\u201c war, wobei sich Adenauer, dies war mir neu, offensichtlich f\u00fcr die DDR auch einen \u00d6sterreich-Status vorstellen konnte. Zu nennen ist die Auss\u00f6hnung mit dem \u201eErzfeind\u201c Frankreich, deren Adenauer-Priorit\u00e4t innerhalb der Union mit einer starken Atlantiker-Fraktion nicht unumstritten war. Nicht zu vergessen ist die Ann\u00e4herung an und die Wiedergutmachung am j\u00fcdischen Volk, den Begriff \u201eVers\u00f6hnung\u201c sah Adenauer aus israelischer Perspektive sehr kritisch, da dies vom j\u00fcdishen Volk zuviel verlangt sei. Frei umgeht auch nicht den \u201eFall Globke\u201c. Gemeint ist damit das Vielen unverst\u00e4ndliche Festhalten Adenauers an seinem Staatssekret\u00e4r Globke, der als Kommentator an den N\u00fcrnberger Rassegesetzen der Nationalsozialisten mitgearbeitet hatte und f\u00fcr die Kontinuit\u00e4t von Nazi-Funktionseliten in der fr\u00fchen Bundesrepublik stand. Unverst\u00e4ndlich f\u00fcr viele deshalb, da Adenauer selbst in keinster Weise mit den Nazis verbunden war, vielmehr von diesen als K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeister abgesetzt und verfolgt wurde. Er musste mehrere Male f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit untertauchen, um der Verhaftung zu entgehen, und verbrachte die Jahre des \u201eTausendj\u00e4hrigen Reiches\u201c ansonsten in der inneren Emigration. Nicht nur aus Verantwortung gegen\u00fcber seiner Familie lehnte er eine aktive Teilnahme am Widerstand ab. Er war vor allem der \u00dcberzeugung, dass die Nazi-Diktatur an sich selbst scheitern m\u00fcsse, es d\u00fcrfe zu keiner Neuauflage der die jungen Demokratie der Weimarer Republik belastenden \u201eDolchsto\u00dflegende\u201c kommen. Zudem hegte Adenauer ein tiefes Misstrauen gegen\u00fcber seinen eigenen Landsleuten aufgrund der Nazi-Vergangenheit, dies schloss einen \u00fcberaus kritischen Blick auf seine eigene, die katholische Kirche mit ein. Dennoch war sein praktisches Verhalten eher ein \u201etherapeutisches Beschweigen der Vergangenheit\u201c, um gesellschaftliche Integration zu erm\u00f6glichen. Frei enth\u00e4lt sich einer Bewertung dieses Verhaltens, sieht allerdings in der \u201eCausa Globke\u201c eine Dauerbelastung f\u00fcr Adenauer, ja ein \u201eStigma \u00fcber seinen Tod hinaus\u201c. Frei zeigt einen in der parteipolitischen Auseinandersetzung alles andere als, vorsichtig ausgedr\u00fcckt, zimperlichen Politiker, f\u00fcr den, der ansonsten altersbedingt mit seinen Kr\u00e4ften haushalten musste, aber vor allem Wahlkampfzeiten der reine Jungbrunnen waren. Zur Ironie der Geschichte geh\u00f6rt dann, dass dieser \u201eHaudrauf\u201c in den beiden dramatischen Krisen der jungen Bundesrepublik, dem Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 und dem Mauerbau am 13. August 1961 \u00fcberaus zur\u00fcckhaltend und mit gro\u00dfer realistischer und diplomatischer Vorsicht agierte, was ihm in der \u00d6ffentlichkeit jedoch als Z\u00f6gern und Wegducken ausgelegt wurde und seinen Ruf besch\u00e4digte. Eindeutiger Schwerpunkt der ersten Adenauer-Jahre als Bundeskanzler war die wegen der umfassenden Kompetenzen der vier Besatzungsm\u00e4chte nur eingeschr\u00e4nkt gestaltbare Au\u00dfenpolitik, Adenauer war in den ersten Jahren auch sein Au\u00dfenminister. Der erforderliche Drahtseilakt, als Vertreter eines nicht-souver\u00e4nen Staates sich gerade auch aus innenpolitischen Gr\u00fcnden gegen\u00fcber den Besatzungsm\u00e4chten nicht als unterw\u00fcrfiger Bittsteller zu gerieren forderte Adenauer Einiges ab.&nbsp; Sein Verhalten, seine Durchsetzungskraft gegen\u00fcber den Besatzungsm\u00e4chten, unvergessen seine \u00dcbertretung des alliierten Verbotes, den Teppich zu betreten, offenbarte nach Frei jedoch eine&nbsp; Pers\u00f6nlichkeit, \u201edie in ihrem nat\u00fcrlichen Selbstbewu\u00dftsein, ihrem politischen Geschick und ihrer unverkrampften W\u00fcrde kaum ihresgleichen hatte\u201c.&nbsp;&nbsp;In diesem Feld lag ohne Frage einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die wachsende Zustimmung zu Adenauer. Zum bis heute in der Wirkungsgeschichte Adenauers unerreichbaren H\u00f6hepunkt wurde nach Frei aber, dass Adenauer 1955, zehn Jahre nach Kriegsende, wenngleich um den Preis der eigentlich nicht gewollten Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Sowjetunion, die Freilassung und Heimkehr von rund 10 000 \u00fcberlebenden Kriegsgefangenen erreichte. Mit der absoluten Mehrheit bei den Bundestagswahlen 1957, einmalig in&nbsp; der Geschichte der Bundesrepublik, war Adenauer auf dem Zenit seiner Laufbahn angekommen. Aber auch Adenauer z\u00e4hlt zu den gro\u00dfen Politikern, die den richtigen Zeitpunkt f\u00fcr einen w\u00fcrdigen, selbstgew\u00e4hlten R\u00fcckzug nicht nur verpassen, sondern vermasseln! F\u00fcr ersetzbar hielt \u201eder Alte\u201c sich nicht, schon gar nicht durch seinen laut Adenauer mit dem politischen Verstand einer Zigarrenkiste ausgestatteten Nachfolger Ludwig Erhard. Bei aller Kritik an Adenauer kann Frei aber auch eine gewisse Bewunderung nicht verleugnen. Wie Adenauer sich gegen alle Widerst\u00e4nde seine letzte Kanzlerschaft sicherte \u201elie\u00dfe sich als das ruchlose Ringen eines Besessenen erz\u00e4hlen- oder als Trickserei eines begnadeten Takrierers\u201c.&nbsp; Sp\u00e4testens mit der sogenannten Bundespr\u00e4sidentenkrise, Adenauer lieb\u00e4ugelte mit der \u00dcbernahme des Bundespr\u00e4sidentenamtes, machte dann aber kurzfristig einen R\u00fcckzieher, offensichtlich, weil er die tats\u00e4chlichen Machtbefugnisse des \u00fcberwiegend repr\u00e4sentativen Amtes falsch eingesch\u00e4tzt hatte, war der Zenit Adenauers \u00fcberschritten. Sein R\u00fcckhalt auch in der eigenen Partei br\u00f6ckelte zusehends, der \u201eautorit\u00e4r-patriarchalische F\u00fchrungsstil\u201c hatte sich \u00fcberlebt, die \u201eKanzlerd\u00e4mmerung\u201c und mit ihr eine \u201ediskursive Erstarrung\u201c setzten ein. Den z\u00e4hen, unfreiwilligen&nbsp;&nbsp;Abschied von der Macht hat Adenauer bis zu seinem Tod nicht verwunden. Aber die Trauer, der Zuspruch, die Teilnahme hunderttausender Menschen auf seinem letzten Wege h\u00e4tten ihn sicher vers\u00f6hnlicher gestimmt.&nbsp; Im R\u00fcckblick betrachtet nehmen sich solche erfolgreichen Lebensl\u00e4ufe wie<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":2224,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[40],"tags":[155],"class_list":["post-2226","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-f","tag-konradadenauer-cdu-konradadenauerstiftung-geschichtebundesrepublik-kanzlerdemokratie-beckverlag-tbr-bookstagramgermany-stiftungbundeskanzleradenauerhaus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2226"}],"collection":[{"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2226"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2226\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2227,"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2226\/revisions\/2227"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2224"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2226"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2226"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2226"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}