{"id":2220,"date":"2025-11-30T12:02:08","date_gmt":"2025-11-30T12:02:08","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=2220"},"modified":"2025-11-30T12:02:10","modified_gmt":"2025-11-30T12:02:10","slug":"jehona-kicaj-e","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/k\/jehona-kicaj-e\/","title":{"rendered":"Jehona Kicaj: \u00e9"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4702-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2221\" style=\"width:840px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4702-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4702-225x300.jpeg 225w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4702-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4702-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4702-9x12.jpeg 9w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/IMG_4702-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein vers\u00f6hnlicher Roman?<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Jehovas Kicaj konfrontiert uns in ihrem Deb\u00fctroman \u201e\u00e9\u201c mit einer dramatischen Phase europ\u00e4ischer Zeitgeschichte, der R\u00fcckkehr des Krieges nach Europa in Gestalt der Balkankriege in den 90 er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie f\u00fchrt uns in ein Land, den Kosovo, in dem die Zeitrechnung sich nicht mehr nach der Geburt Christi richtet, vielmehr werden \u201evergangene Jahre\u2026in zwei Zeitspannen unterteilt: vor und nach dem Krieg\u201c.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser ber\u00fchrende und nachwirkende Roman schildert die schwierige Suche nach der eigenen Sprache, nach Formen der psychischen wie physischen \u00dcberwindung der Sprachlosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zeigt, wie mit der \u00dcberwindung des Schweigens auch das traumatische Verschweigen gebrochen werden und therapeutisch wirken kann, auf der pers\u00f6nlichen wie der Ebene eines Landes, eines Volkes.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein simpler Zahnarztbesuch legt das Zusammenwirken von Psyche und Physis offen und setzt einen tiefgehenden, schmerzhaften Selbstfindungsprozess der Ich-Erz\u00e4hlerin in Gang, dessen Dreh- und Angelpunkt die Sprache ist. Trotz ihres \u201eZermahlens jedes einzelnen Wortes\u201c gelingt es ihr, die \u201eZ\u00e4hne als die bewaffneten H\u00fcter des Mundes\u201c, dieses \u201eUrbildes aller Gef\u00e4ngnisse\u201c&nbsp;&nbsp;zu \u00f6ffnen und sich langsam zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Selbstverortung der Erz\u00e4hlerin ist illusionslos: \u201eIch komme aus der Sprachlosigkeit\u201c. Gott sei Dank f\u00fcr das Thema und den Leser hat sie diese Sprachlosigkeit in einer bewundernswerten, klaren und einf\u00fchlsamen Sprache \u00fcberwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ich-Erz\u00e4hlerin w\u00e4chst als kleines M\u00e4dchen in Deutschland auf, geographisch in sicherer Distanz von dem Krieg in ihrer Heimat, aber dennoch gepr\u00e4gt von ihm. Sie ist in ihrem Schweigen gefangen. Auch der von der Lehrerin eingesetzte \u201eErz\u00e4hlstein\u201c kann sie nicht zum Sprechen bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein fr\u00fches Kindheitsbild kann sie f\u00fcr den Klassenkalender nicht beisteuern:\u201eDass das fehlende Bild f\u00fcr den Versuch meiner Ausl\u00f6schung stand, w\u00fcrde ich erst viel sp\u00e4ter begreifen.\u201c Auch kann sie sich \u201enicht vorstellen, wie es sich anf\u00fchlt, an einen fr\u00fcheren Ort zur\u00fcckzukehren und alles so vorzufinden, wie es war. F\u00fcr mich gab es immer nur Zerst\u00f6rung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00e9\u201c veranschaulicht, dass dieser Krieg, dieser Genozid nicht urpl\u00f6tzlich, nicht aus dem \u201eNichts\u201c kam. Die Atmosph\u00e4re zwischen den Volksgruppen war bereits lange vor dem Krieg vergiftet. Es herrschte ein abgrundtiefes Misstrauen. Ein von der Nachbarin geschenktes Osterei durfte aus Angst vor Vergiftung nicht gegessen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab eine vielfacettige Vorgeschichte. Auch hier spielte die Sprache eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Albanische und serbische Kinder wurden in den Schulen getrennt unterrichtet. Serbisch wurde Anfang der 90er Jahre zur verpflichtenden Nationalsprache, Albanisch am Arbeitsplatz zu sprechen f\u00fchrte zur K\u00fcndigung: \u201eDeine Muttersprache konnte Dich in Gefahr bringen, wenn du sie am falschen Ort sprachst\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschaulich wird geschildert, wie die Albaner angesichts dieser allt\u00e4glichen Unterdr\u00fcckung begannen, einen \u201eSchatten-Staat\u201c aufbauen:\u201eAlbanischer Unterricht hat in privaten H\u00e4usern stattgefunden, in Wohnzimmern, in Kellern\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00e9\u201c verbindet Familien &#8211; und nationale Geschichte auch vor dem Hintergrund kosovarischer M\u00e4rchen und Legenden, in denen die Zunge, womit wieder die zentrale Rolle der Sprache betont wird, eine besondere Rolle spielt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Geschildert werden entsetzliche Details dieser Kriegsverbrechen: Verfolgung, Tod, Ermordung, Hinrichtungen, Massaker, bis heute Tausende von Verschwundenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Existenzen ihres Vaters und Onkels, die vor diesem Krieg 25 Jahre in Deutschland gearbeitet und sich im Kosovo etwas aufgebaut hatten wurden komplett zerst\u00f6rt. Die serbische Kriegstaktik der \u201everbrannten Erde\u201c wollte alles vernichten, damit eine R\u00fcckkehr in den Kosovo nicht mehr m\u00f6glich sei.<\/p>\n\n\n\n<p>In immer wiederkehrenden Sequenzen wird veranschaulicht, wie pr\u00e4sent dieser Krieg bis heute in den Familien ist. Videos der Familie aus der Vergangenheit, das st\u00e4ndige Verfolgen von speziellen Internet-Plattformen, von Forensik-Berichten, der Verhandlungen vor dem Internationalen Strafgericht f\u00fcr das ehemalige Jugoslawien in Den Haag sind Teil des Alltags.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele \u00dcber- und Weiterlebende gilt der Satz einer \u00dcberlebenden Mutter des Massakers von Suhareka: \u201eIch bin eigentlich schon tot, seit meine Kinder gestorben sind. Ich bleibe nur noch am Leben, um Zeugnis dar\u00fcber abzulegen, was in Suhareka geschehen ist\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Roman sensibilisiert auch f\u00fcr unterschiedliche Perzeption von Ereignissen. So wurde der damalige Au\u00dfenminister der GR\u00dcNEN, Joschka Fischer, wegen seiner Bef\u00fcrwortung der NATO-Intervention auf einem Parteitag der GR\u00dcNEN Opfer einer schmerzhaften Farbbeutelatacke, w\u00e4hrend die von diesem Krieg betroffenen Menschen dankbar f\u00fcr diese humanit\u00e4re Intervention der Nato waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich gefragt, ob dieser Roman ein vers\u00f6hnlicher Roman ist. Ich denke, eher nicht. Vielmehr geht es aus sehr nachvollziehbaren Gr\u00fcnden der Autorin darum, sich selbst zu vergewissern, zu erinnern, eine angemessene Sprache f\u00fcr all die Gr\u00e4uel zu finden, und auch Veranwortlichkeiten zu benennen, anzuklagen, alles unabdingbare Bestandteile einer historischen Aufarbeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg ist seit langem beendet, viele Probleme des Miteinander in der Region und in den einzelnen Staaten sind aber weiterhin vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn \u201e\u00e9\u201c daher eher kein vers\u00f6hnlicher Roman ist, so ist er doch einer, der brutal klar macht, dass die erlebten, erlittenen Formen der Auseinandersetzung zu nichts anderem als unermesslichem menschlichem Leid f\u00fchren. Dazu z\u00e4hlt, dass es sich bei zahlreichen vermeintlichen Problemen um nichts anderes als ideologisiert-aufgeputschte Themen handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u201e\u00e9\u201c ist im Albanischen ein stimmloser Vokal am Ende von manchen W\u00f6rtern. Die Sprachlosigkeit, die Suche nach einer Stimme spiegelt sich im Titel des Buches wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, dass wir von dieser Stimme noch mehr h\u00f6ren und lesen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Jehona Kicaj: \u00e9, Wallsteinverlag<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2220\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2220\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein vers\u00f6hnlicher Roman? 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Ein simpler Zahnarztbesuch legt das Zusammenwirken von Psyche und Physis offen und setzt einen tiefgehenden, schmerzhaften Selbstfindungsprozess der Ich-Erz\u00e4hlerin in Gang, dessen Dreh- und Angelpunkt die Sprache ist. Trotz ihres \u201eZermahlens jedes einzelnen Wortes\u201c gelingt es ihr, die \u201eZ\u00e4hne als die bewaffneten H\u00fcter des Mundes\u201c, dieses \u201eUrbildes aller Gef\u00e4ngnisse\u201c&nbsp;&nbsp;zu \u00f6ffnen und sich langsam zu befreien. Die Selbstverortung der Erz\u00e4hlerin ist illusionslos: \u201eIch komme aus der Sprachlosigkeit\u201c. Gott sei Dank f\u00fcr das Thema und den Leser hat sie diese Sprachlosigkeit in einer bewundernswerten, klaren und einf\u00fchlsamen Sprache \u00fcberwunden. Die Ich-Erz\u00e4hlerin w\u00e4chst als kleines M\u00e4dchen in Deutschland auf, geographisch in sicherer Distanz von dem Krieg in ihrer Heimat, aber dennoch gepr\u00e4gt von ihm. Sie ist in ihrem Schweigen gefangen. Auch der von der Lehrerin eingesetzte \u201eErz\u00e4hlstein\u201c kann sie nicht zum Sprechen bringen. Ein fr\u00fches Kindheitsbild kann sie f\u00fcr den Klassenkalender nicht beisteuern:\u201eDass das fehlende Bild f\u00fcr den Versuch meiner Ausl\u00f6schung stand, w\u00fcrde ich erst viel sp\u00e4ter begreifen.\u201c Auch kann sie sich \u201enicht vorstellen, wie es sich anf\u00fchlt, an einen fr\u00fcheren Ort zur\u00fcckzukehren und alles so vorzufinden, wie es war. F\u00fcr mich gab es immer nur Zerst\u00f6rung\u201c. \u201e\u00e9\u201c veranschaulicht, dass dieser Krieg, dieser Genozid nicht urpl\u00f6tzlich, nicht aus dem \u201eNichts\u201c kam. Die Atmosph\u00e4re zwischen den Volksgruppen war bereits lange vor dem Krieg vergiftet. Es herrschte ein abgrundtiefes Misstrauen. Ein von der Nachbarin geschenktes Osterei durfte aus Angst vor Vergiftung nicht gegessen werden. Es gab eine vielfacettige Vorgeschichte. Auch hier spielte die Sprache eine gro\u00dfe Rolle. Albanische und serbische Kinder wurden in den Schulen getrennt unterrichtet. Serbisch wurde Anfang der 90er Jahre zur verpflichtenden Nationalsprache, Albanisch am Arbeitsplatz zu sprechen f\u00fchrte zur K\u00fcndigung: \u201eDeine Muttersprache konnte Dich in Gefahr bringen, wenn du sie am falschen Ort sprachst\u201c. Anschaulich wird geschildert, wie die Albaner angesichts dieser allt\u00e4glichen Unterdr\u00fcckung begannen, einen \u201eSchatten-Staat\u201c aufbauen:\u201eAlbanischer Unterricht hat in privaten H\u00e4usern stattgefunden, in Wohnzimmern, in Kellern\u201c. \u201e\u00e9\u201c verbindet Familien &#8211; und nationale Geschichte auch vor dem Hintergrund kosovarischer M\u00e4rchen und Legenden, in denen die Zunge, womit wieder die zentrale Rolle der Sprache betont wird, eine besondere Rolle spielt.&nbsp; Geschildert werden entsetzliche Details dieser Kriegsverbrechen: Verfolgung, Tod, Ermordung, Hinrichtungen, Massaker, bis heute Tausende von Verschwundenen. Die Existenzen ihres Vaters und Onkels, die vor diesem Krieg 25 Jahre in Deutschland gearbeitet und sich im Kosovo etwas aufgebaut hatten wurden komplett zerst\u00f6rt. Die serbische Kriegstaktik der \u201everbrannten Erde\u201c wollte alles vernichten, damit eine R\u00fcckkehr in den Kosovo nicht mehr m\u00f6glich sei. In immer wiederkehrenden Sequenzen wird veranschaulicht, wie pr\u00e4sent dieser Krieg bis heute in den Familien ist. Videos der Familie aus der Vergangenheit, das st\u00e4ndige Verfolgen von speziellen Internet-Plattformen, von Forensik-Berichten, der Verhandlungen vor dem Internationalen Strafgericht f\u00fcr das ehemalige Jugoslawien in Den Haag sind Teil des Alltags. F\u00fcr viele \u00dcber- und Weiterlebende gilt der Satz einer \u00dcberlebenden Mutter des Massakers von Suhareka: \u201eIch bin eigentlich schon tot, seit meine Kinder gestorben sind. Ich bleibe nur noch am Leben, um Zeugnis dar\u00fcber abzulegen, was in Suhareka geschehen ist\u201c. Dieser Roman sensibilisiert auch f\u00fcr unterschiedliche Perzeption von Ereignissen. So wurde der damalige Au\u00dfenminister der GR\u00dcNEN, Joschka Fischer, wegen seiner Bef\u00fcrwortung der NATO-Intervention auf einem Parteitag der GR\u00dcNEN Opfer einer schmerzhaften Farbbeutelatacke, w\u00e4hrend die von diesem Krieg betroffenen Menschen dankbar f\u00fcr diese humanit\u00e4re Intervention der Nato waren. Ich habe mich gefragt, ob dieser Roman ein vers\u00f6hnlicher Roman ist. Ich denke, eher nicht. Vielmehr geht es aus sehr nachvollziehbaren Gr\u00fcnden der Autorin darum, sich selbst zu vergewissern, zu erinnern, eine angemessene Sprache f\u00fcr all die Gr\u00e4uel zu finden, und auch Veranwortlichkeiten zu benennen, anzuklagen, alles unabdingbare Bestandteile einer historischen Aufarbeitung. Der Krieg ist seit langem beendet, viele Probleme des Miteinander in der Region und in den einzelnen Staaten sind aber weiterhin vorhanden. 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