{"id":2189,"date":"2025-10-26T17:38:17","date_gmt":"2025-10-26T17:38:17","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=2189"},"modified":"2025-10-26T17:38:18","modified_gmt":"2025-10-26T17:38:18","slug":"nino-haratischwili-europa-wach-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/h\/nino-haratischwili-europa-wach-auf\/","title":{"rendered":"Nino Haratischwili: Europa, wach auf!"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Texte und Reden<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4243-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2190\" style=\"width:849px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4243-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4243-225x300.jpeg 225w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4243-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4243-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4243-9x12.jpeg 9w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4243-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nino Haratischwili ist nicht nur eine international erfolgreiche Schriftstellerin (epochale Romane wie \u201eDas mangelnde Licht\u201c oder \u201eDas achte Leben\u201c), sie ist auch eine engagierte K\u00e4mpferin f\u00fcr ein demokratisches Georgien, das Land, aus dem sie stammt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frankfurter Verlagsanstalt hat in ihrer neuen Pocket-Reihe nun Texte und Reden von Haratischwili zwischen 2013 und 2025 herausgegeben: \u201eEuropa, wach auf!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrere Themen ziehen sich wie rote F\u00e4den durch alle Beitr\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen geht es um den langwierigen und schmerzhaften Prozess der Identit\u00e4tsfindung einer Frau, die, in Georgien geboren, inzwischen als deutsche Staatsb\u00fcrgerin \u00fcberwiegend in Deutschland lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Selbstverortung, vielleicht besser gesagt das Hin- und Hergerissen-Sein zwischen Georgien und Deutschland, der sich mit dem jeweiligen Abstand sch\u00e4rfende Blick auf jedes der L\u00e4nder, ist an sich schon eine komplexe und schwierige Situation. Viele Jahre, bis zu ihrem \u201eBefreiungsbuch\u201c &lt;Das achte Leben&gt;, lebte Haratischwili in einem Geflecht von Fremdzuschreibungen, die \u00fcber lange Zeit ein \u201eund\u201c, eine Verbindung zwischen \u201ezwei Welten\u201c nahezu unm\u00f6glich machten, vielmehr immer Rechtfertigungen, Entscheidungen und damit Einseitigkeiten einforderten. Diesen Zwang zu einem \u201eEntweder-Oder\u201c empfindet Haratischwili als Verweigerung \u201eder M\u00f6glichkeit einer Begegnung auf Augenh\u00f6he\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Haratischwili l\u00e4sst einen intensiv und ber\u00fchrend teilhaben an diesem Versuch, anzukommen, an dieser Suche, ja Sehnsucht nach Zugeh\u00f6rigkeit, an dem Prozess der Identit\u00e4tsfindung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem sehr pers\u00f6nlichen Erfahrungshintergrund pl\u00e4diert Haratischwili mit Blick auf die Debatte um Migration und Einwanderung und einer angemessenen Willkommenskultur f\u00fcr \u201eeinen Dialog, der die Mitte nicht ausschlie\u00dft und nicht nur von den R\u00e4ndern her gef\u00fchrt wird\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der eindringlichsten Beitr\u00e4ge ist sicherlich der titelgebende \u201eEuropa, wach auf\u201c, in dem sie auch ihre sehr pers\u00f6nlichen Erfahrungen als Heranwachsende in Georgien mit einbringt, diese Erfahrungen aber auch in den aktuellen Kontext einbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Haratischwili hatte schon lange, auch lange vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 und aufgrund eigener leidvoller Erfahrungen mit Russland und seinen Kriegen auch gegen Georgien und anderen L\u00e4ndern der Region einen unverstellten, klaren Blick auf die neokoloniale, neoimperialistische expansionsbrutalit\u00e4t Russlands.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr sie ist klar: Europa ist gefordert. Schon lange warnt Haratischwili Europa davor, sich in sich selbst oder hinter vermeintlich sichere Grenzen zu verkriechen und die Augen vor der brutalen Realit\u00e4t zu verschie\u00dfen: \u201eEuropa, deine R\u00e4nder schmelzen und die Albtr\u00e4ume kriechen \u00fcber die Schutzmauern\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Westen, der sich immer in der tr\u00fcgerischen Selbstberuhigung einlullte,&nbsp;&nbsp;dass die Konflikte \u201eweit von unserer Wohlstandsgesellschaft entfernt\u201c stattfinden, sollte, so Haratischwili, seinen Urlaub beenden und den eigenen Materialismus auf den Pr\u00fcfstand stellen: Denn \u201ekein Geld der Welt ist es wert, dass man im 21. Jahrhundert zul\u00e4sst, dass Kinder in Bunkern und Kellern auf die Welt kommen und von Sirenen und Bomben begr\u00fc\u00dft werden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um den Kampf f\u00fcr \u201eDemokratie, Freiheit, W\u00fcrde, und das Leben selbst\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Erschreckend f\u00fcr mich ist, dass Haratischwili mit ihrem Engagement f\u00fcr das \u00dcberleben der Demokratie in Georgien, ja der Region, nahezu alleine als Ruferin in der W\u00fcste unterwegs ist, so gut wie nicht unterst\u00fctzt von der schreibenden Zunft, die sich doch ansonsten auch intensiv um alle anderen Weltgegenden k\u00fcmmert. Und Georgien und seine Nachbarn liegen vor unserer Haust\u00fcr!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sich durch die Beitr\u00e4ge ziehendes Thema ist auch die Rolle der Kunst in der Gesellschaft und f\u00fcr die Politik. Sie bricht eine Lanze f\u00fcr die Kunst, aber nicht nur wie zu vermuten, die Literatur, sondern insbesondere, als ausgebildete Theaterregisseurin wiederum nicht verwunderlich, f\u00fcr das Theater, an dessen Performanz (\u201eselbst verbarrikadiert und um sich selbst drehend\u201c) sie leidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Herzensanliegen, dem man sich nur mit aller Kraft anschlie\u00dfen kann, sind ihre Aufrufe zum Dialog. Heraus \u201eaus unseren sichergew\u00e4hnten &lt;Bubbles&gt;\u201c: \u201eWir m\u00fcssen einander Zeit geben. Und vor allem: Wir m\u00fcssen wieder Haltung zeigen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird nicht einfach, denn unsere Debattenkultur ist nicht nur verk\u00fcmmert, sie ist zu einem be\u00e4ngstigenden Teil schlichtweg inexistent oder verroht. Wir m\u00fcssen eine demokratische Debattenkultur wieder gewinnen. Und dazu geh\u00f6rt essenziell, Unterschiede, Gegens\u00e4tze auszuhalten, ohne in unvers\u00f6hnliche Gegnerschaften oder gar Feindschaften zu verfallen. Das ist das, was Demokratie so schwierig macht, aber es ist ihr Lebenselexier, profaner ausgedr\u00fcckt, der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Selten habe ich in einem Buch derart viel unterstrichen, angemerkt\u2026ich k\u00f6nnte seitenweise zitieren\u2026Aber besser ist: Selbst lesen- diese Texte haben es in sich!<\/p>\n\n\n\n<p>Nino Haratischwili: Europa, wach auf! Texte und Reden<\/p>\n\n\n\n<p>Frankfurter Verlagsanstalt 2025<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2189\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">1    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2189\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Texte und Reden Nino Haratischwili ist nicht nur eine international erfolgreiche Schriftstellerin (epochale Romane wie \u201eDas mangelnde Licht\u201c oder \u201eDas achte Leben\u201c), sie ist auch eine engagierte K\u00e4mpferin f\u00fcr ein demokratisches Georgien, das Land, aus dem sie stammt. Die Frankfurter Verlagsanstalt hat in ihrer neuen Pocket-Reihe nun Texte und Reden von Haratischwili zwischen 2013 und 2025 herausgegeben: \u201eEuropa, wach auf!\u201c Mehrere Themen ziehen sich wie rote F\u00e4den durch alle Beitr\u00e4ge. Zum einen geht es um den langwierigen und schmerzhaften Prozess der Identit\u00e4tsfindung einer Frau, die, in Georgien geboren, inzwischen als deutsche Staatsb\u00fcrgerin \u00fcberwiegend in Deutschland lebt. Die Selbstverortung, vielleicht besser gesagt das Hin- und Hergerissen-Sein zwischen Georgien und Deutschland, der sich mit dem jeweiligen Abstand sch\u00e4rfende Blick auf jedes der L\u00e4nder, ist an sich schon eine komplexe und schwierige Situation. Viele Jahre, bis zu ihrem \u201eBefreiungsbuch\u201c &lt;Das achte Leben&gt;, lebte Haratischwili in einem Geflecht von Fremdzuschreibungen, die \u00fcber lange Zeit ein \u201eund\u201c, eine Verbindung zwischen \u201ezwei Welten\u201c nahezu unm\u00f6glich machten, vielmehr immer Rechtfertigungen, Entscheidungen und damit Einseitigkeiten einforderten. Diesen Zwang zu einem \u201eEntweder-Oder\u201c empfindet Haratischwili als Verweigerung \u201eder M\u00f6glichkeit einer Begegnung auf Augenh\u00f6he\u201c. Haratischwili l\u00e4sst einen intensiv und ber\u00fchrend teilhaben an diesem Versuch, anzukommen, an dieser Suche, ja Sehnsucht nach Zugeh\u00f6rigkeit, an dem Prozess der Identit\u00e4tsfindung.&nbsp; Vor diesem sehr pers\u00f6nlichen Erfahrungshintergrund pl\u00e4diert Haratischwili mit Blick auf die Debatte um Migration und Einwanderung und einer angemessenen Willkommenskultur f\u00fcr \u201eeinen Dialog, der die Mitte nicht ausschlie\u00dft und nicht nur von den R\u00e4ndern her gef\u00fchrt wird\u201c. Einer der eindringlichsten Beitr\u00e4ge ist sicherlich der titelgebende \u201eEuropa, wach auf\u201c, in dem sie auch ihre sehr pers\u00f6nlichen Erfahrungen als Heranwachsende in Georgien mit einbringt, diese Erfahrungen aber auch in den aktuellen Kontext einbindet. Haratischwili hatte schon lange, auch lange vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 und aufgrund eigener leidvoller Erfahrungen mit Russland und seinen Kriegen auch gegen Georgien und anderen L\u00e4ndern der Region einen unverstellten, klaren Blick auf die neokoloniale, neoimperialistische expansionsbrutalit\u00e4t Russlands. F\u00fcr sie ist klar: Europa ist gefordert. Schon lange warnt Haratischwili Europa davor, sich in sich selbst oder hinter vermeintlich sichere Grenzen zu verkriechen und die Augen vor der brutalen Realit\u00e4t zu verschie\u00dfen: \u201eEuropa, deine R\u00e4nder schmelzen und die Albtr\u00e4ume kriechen \u00fcber die Schutzmauern\u201c.&nbsp; Der Westen, der sich immer in der tr\u00fcgerischen Selbstberuhigung einlullte,&nbsp;&nbsp;dass die Konflikte \u201eweit von unserer Wohlstandsgesellschaft entfernt\u201c stattfinden, sollte, so Haratischwili, seinen Urlaub beenden und den eigenen Materialismus auf den Pr\u00fcfstand stellen: Denn \u201ekein Geld der Welt ist es wert, dass man im 21. Jahrhundert zul\u00e4sst, dass Kinder in Bunkern und Kellern auf die Welt kommen und von Sirenen und Bomben begr\u00fc\u00dft werden\u201c. Es geht um den Kampf f\u00fcr \u201eDemokratie, Freiheit, W\u00fcrde, und das Leben selbst\u201c. Erschreckend f\u00fcr mich ist, dass Haratischwili mit ihrem Engagement f\u00fcr das \u00dcberleben der Demokratie in Georgien, ja der Region, nahezu alleine als Ruferin in der W\u00fcste unterwegs ist, so gut wie nicht unterst\u00fctzt von der schreibenden Zunft, die sich doch ansonsten auch intensiv um alle anderen Weltgegenden k\u00fcmmert. Und Georgien und seine Nachbarn liegen vor unserer Haust\u00fcr! Ein sich durch die Beitr\u00e4ge ziehendes Thema ist auch die Rolle der Kunst in der Gesellschaft und f\u00fcr die Politik. Sie bricht eine Lanze f\u00fcr die Kunst, aber nicht nur wie zu vermuten, die Literatur, sondern insbesondere, als ausgebildete Theaterregisseurin wiederum nicht verwunderlich, f\u00fcr das Theater, an dessen Performanz (\u201eselbst verbarrikadiert und um sich selbst drehend\u201c) sie leidet. Ein Herzensanliegen, dem man sich nur mit aller Kraft anschlie\u00dfen kann, sind ihre Aufrufe zum Dialog. Heraus \u201eaus unseren sichergew\u00e4hnten &lt;Bubbles&gt;\u201c: \u201eWir m\u00fcssen einander Zeit geben. Und vor allem: Wir m\u00fcssen wieder Haltung zeigen\u201c. Das wird nicht einfach, denn unsere Debattenkultur ist nicht nur verk\u00fcmmert, sie ist zu einem be\u00e4ngstigenden Teil schlichtweg inexistent oder verroht. Wir m\u00fcssen eine demokratische Debattenkultur wieder gewinnen. Und dazu geh\u00f6rt essenziell, Unterschiede, Gegens\u00e4tze auszuhalten, ohne in unvers\u00f6hnliche Gegnerschaften oder gar Feindschaften zu verfallen. Das ist das, was Demokratie so schwierig macht, aber es ist ihr Lebenselexier, profaner ausgedr\u00fcckt, der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenh\u00e4lt. Selten habe ich in einem Buch derart viel unterstrichen, angemerkt\u2026ich k\u00f6nnte seitenweise zitieren\u2026Aber besser ist: Selbst lesen- diese Texte haben es in sich! Nino Haratischwili: Europa, wach auf! 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