{"id":2165,"date":"2025-09-30T09:28:04","date_gmt":"2025-09-30T09:28:04","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=2165"},"modified":"2025-09-30T09:28:05","modified_gmt":"2025-09-30T09:28:05","slug":"annette-hug-tell-in-manila","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/h\/annette-hug-tell-in-manila\/","title":{"rendered":"Annette Hug: Tell in Manila"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"877\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/IMG_4355-877x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2166\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/IMG_4355-877x1024.jpeg 877w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/IMG_4355-257x300.jpeg 257w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/IMG_4355-768x897.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/IMG_4355-10x12.jpeg 10w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/IMG_4355.jpeg 1146w\" sizes=\"(max-width: 877px) 100vw, 877px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Titel macht stutzig: \u201eTell in Manila\u201c? Was macht der Nationalheld aus den Schweizer Bergen in den tropischen Gefilden der rund 10 500 km entfernten Philippinen? Unterschiedlichere Lebenswelten vermag man sich gar nicht vorzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Annette Hug bringt diese beiden, und noch viel mehr, gekonnt zusammen.&nbsp;&nbsp;Von den 15 B\u00fcchern, die ich in diesen Wochen zu den Philippinen als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse bespreche, ist \u201eTell in Manila\u201c das einzige, das nicht von einer philippinischen Autorin stammt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer die Philippinen in den Blick nimmt, st\u00f6\u00dft ganz schnell auf Jos\u00e9 Rizal, den philippinischen Nationalhelden mit deutscher Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Rizal verbringt 1886 in Heidelberg und Sachsen einige Monate, praktiziert bei einem Augenarzt, taucht in die Studentenwelt einschlie\u00dflich der schlagenden Burschenschaften und deren medizinischer Versorgung ein. Vor allem aber schreibt er an seinem in Madrid begonnenen Buch weiter, das er in einem Pfarrhaus im einigen Kilometer von Heidelberg entfernten Wilhelmsfeld beendet und das als \u201eNoli me tangere\u201c (\u201eR\u00fchre mich nicht an\u201c) 1887 in Berlin in spanischer Sprache gedruckt wird.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Rizal lernt deutsch, sein Bruder schreibt aus den Philippinen: \u201e\u00dcbersetz uns Schiller\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hug nimmt uns mit auf Rizals monatelange Reise durch Deutschland, im Mittelpunkt steht dabei neben dem Abschluss seines eigenen Roman sein Ringen um die \u00dcbersetzung von \u201eWilhelm Tell\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hug verschr\u00e4nkt in einem Zeitwirbel die Ereignisse in den Philippinen, den Aufstand der Schweizer gegen Gessler und die Studentenunruhen in Madrid in den achtziger Jahren des 19. Jahrhundert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das einigende Band all dieser Geschehnisse ist der Freiheitsdrang der V\u00f6lker, gleichg\u00fcltig, auf welchen Breitengraden sie leben. \u201eAlle freien Menschen sind ein einzig\u2018 Volk\u201c, dieser Teil des R\u00fctli-Schwurs aus Wilhelm Tell findet auch auf den Philippinen seinen Widerhall. Verschachtelte Parallelen zwischen der Situationsanalyse und dem Entstehen und Organisieren des Widerstandes in der Schweiz und in den Philippinen f\u00fchrt zu den ewigen Fragen solcher vorrevolution\u00e4rer Situationen. Auf der einen Seite die Herausforderung, f\u00fcr die Freiheit zu k\u00e4mpfen, \u201ew\u00e4hrend den Alten im Tal ihre Steinh\u00e4user wichtiger sind.\u201c Auf der anderen Seite das permanente Abw\u00e4gen, bis wann man abwarten sollte, ab wann gehandelt werden m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kritik an den herrschenden Machtverh\u00e4ltnissen und der Unfreiheit f\u00fcr die Untertanen ist der rote Faden. Sind es in Schweiz die weltlichen Herrscher, richtet sich Rizals massive Kritik in \u201eNoli me tangiere\u201c vor allem an die katholische Kirche und verschiedene M\u00f6nchsorden im Besonderen. Dennoch differenziert Rizal bei aller Kritik: So er lehnt zwar den philippinischen Wunderglauben mit Blick auf an die K\u00fcsten gesp\u00fclte Heiligenstatuen ab, \u201eaber er teilt den Schluss, den das Volk aus der Legende zieht: Man darf die christliche Religion nicht auf die unw\u00fcrdigen Instrumente ihrer Verbreitung reduzieren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere besondere Verbindung dieser beiden Parallelerz\u00e4hlungen gelingt durch die Herausforderung, Schiller in Tagalog zu \u00fcbertragen. Tagalog, die Sprache der gr\u00f6\u00dften Ethnie der Philippinen, bildet die Grundlage&nbsp;&nbsp;f\u00fcr das \u201eFilipino\u201c, die offizielle Sprache der Philippinen neben dem Englischen und bedeutet \u201eHerkunft vom Flu\u00df\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine einfache Aufgabe, eine Reihe spezieller Termini aus Wilhelm Tell dem heimischen Publikum n\u00e4her zu bringen. Wie \u00fcbersetzt man \u201eLandvogt\u201c, \u201eReichsunmittelbarkeit\u201c oder \u201eAnmut\u201c? \u201eLawinen\u201c und \u201eGletscher\u201c z\u00e4hlen auch nicht zum angestammten Sprachgebrauch der Filipinos. Eine direkte \u00dcbersetzung ist vielfach unm\u00f6glich, Rizal will aber zumindest \u201edie Idee durch die Zeilen schimmern lassen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kann der deutsche Leser die Wahl des Tagalog-Wortes nicht beurteilen, er wird jedoch mittelbar an diese exotische Sprache und ihren vor allem in den 17 verschiedenen Konjugationsformen der Verben zum Ausdruck kommenden Reichtum herangef\u00fchrt. Ein besonderer Reichtum, da ihn \u201edie M\u00f6nche nicht stehlen (k\u00f6nnen), denn da, wo es drauf ankommt, h\u00f6ren sie nur leeres Silbengeklingel\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Rizal entdeckt den Reichtum seiner Sprache und wird sich ihres revolution\u00e4ren Potenzials bewusst.<\/p>\n\n\n\n<p>Er muss so schreiben, dass der Bauer ihn versteht. Denn: \u201eUnd sei eine Rasse auch in Tr\u00e4gheit und Schw\u00e4che versunken, so werde sie sich immer an ihrer Sprache selbst aus diesem Zustand hervor arbeiten k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schweiz und Wilhelm Tell sind das Vorbild: \u201eWenn nun Schiller meint, die Freiheit k\u00f6nne aus dem Haupt eines Bauernjungen im hintersten Gebirge wachsen, dann wird alles m\u00f6glich. Dann sind die Wege, Kan\u00e4le, die \u00dcbertragungen und Entladungen der Universalgeschichte so verworren und unvorhersehbar wie die unterirdischen Schluchten, auch die besten Seismographen wissen nicht mit Sicherheit, wo und wann die Erde das n\u00e4chste Mal beben wird. Und niemand kann voraussagen, wo sich n\u00e4chstens ein Volk erhebt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie dem alten Attinghausen aus \u201eWilhelm Tell\u201c ist es auch Rizal \u201eunertr\u00e4glich, sich vorzustellen, dass sich niemals etwas \u00e4ndern w\u00fcrde\u201c. Rizal schreibt an den \u00f6sterreichischen Philippinen-Experten Blumentritt: \u201eWer aus den Kolonien kommt, ist dazu, verdammt, sein Leben der Politik zu widmen\u201c. Rizal wird kein Politiker, greift aber mit seiner Feder in die historische Debatte ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie er im Nachwort zur Urausgabe von \u201eNoli me tangere\u201c 1887 ausf\u00fchrte, werde er, um das Krebsgeschw\u00fcr seines Vaterlandes zu kurieren, \u201emit dir verfahren, wie es die Alten mit ihren Kranken taten. Sie stellten sie auf den Stufen des Tempels zur Schau, damit jeder, der kam, die Gottheit anzurufen, ihnen ein Heilmittel vorschl\u00fcge. Zu diesem Zweck werde ich versuchen, deinen Zustand getreulich und schonungslos zu beschreiben. Ich werde einen Zipfel des Schleiers l\u00fcften, der das \u00dcbel bedeckt, und alles der Wahrheit opfern&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Rizal sorgte bereits vor seinem Deutschlandaufenthalt mit einer Rede weniger in Madrid als in Manila f\u00fcr Aufruhr, diese wird als Ausdruck eines hochverr\u00e4terischen Unabh\u00e4ngigkeitsstrebens interpretiert. Man warnt ihn vergeblich vor einer R\u00fcckkehr auf die Philippinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rizal wollte zwar mit der Katipunan, einem nationalistischen Bund, der ab 1892 gegen die spanische Kolonialherrschaft k\u00e4mpfte, nichts zu tun haben:&nbsp;&nbsp;\u201eSeine Hoffnung ruhte auf der Wissenschaft, der Volksbildung und hygienischen Verbesserungen. Aber es wurde behauptet, er sei mit dabei. Sein Name hatte sich selbstst\u00e4ndig gemacht, er sei ein Wunderdoktor hie\u00df es. Einen Agenten des deutschen Imperialismus nannte man ihn, einen Propheten des alten oder des neuen Lichts, einen Salon, Revoluzzer, Frauenheld, den ersten Romancier, einen Landesvater.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Rizal wurde am 30. Dezember 1896 in Manila hingerichtet, der Rizal-Park an der Manila Bay erinnert daran.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTell in Manila\u201c verbindet in nahezu poetischer Weise Geschichte mit Geschichten, Realit\u00e4t mit Fiktion.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein interessantes Buch, das man zusammen mit Rizals \u201eNoli me tangere\u201c, aber auch dessen Folgeroman, \u201eEl Filibusterismo\u201c(\u201eDie Rebellion\u201c), lesen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNoli me tangere\u201c werde ich in den n\u00e4chsten Wochen hier vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Anette Hug, Tell in Manila, Das Wunderhorn<\/p>\n\n\n\n<p>Jos\u00e9 Rizal, Noli me tangere., Suhrkamp<\/p>\n\n\n\n<p>Jos\u00e9 Rizal, Die Rebellion, Morio Verlag<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2165\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2165\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel macht stutzig: \u201eTell in Manila\u201c? 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Vor allem aber schreibt er an seinem in Madrid begonnenen Buch weiter, das er in einem Pfarrhaus im einigen Kilometer von Heidelberg entfernten Wilhelmsfeld beendet und das als \u201eNoli me tangere\u201c (\u201eR\u00fchre mich nicht an\u201c) 1887 in Berlin in spanischer Sprache gedruckt wird.&nbsp;&nbsp; Rizal lernt deutsch, sein Bruder schreibt aus den Philippinen: \u201e\u00dcbersetz uns Schiller\u201c.&nbsp; Hug nimmt uns mit auf Rizals monatelange Reise durch Deutschland, im Mittelpunkt steht dabei neben dem Abschluss seines eigenen Roman sein Ringen um die \u00dcbersetzung von \u201eWilhelm Tell\u201c.&nbsp; Hug verschr\u00e4nkt in einem Zeitwirbel die Ereignisse in den Philippinen, den Aufstand der Schweizer gegen Gessler und die Studentenunruhen in Madrid in den achtziger Jahren des 19. Jahrhundert.&nbsp; Das einigende Band all dieser Geschehnisse ist der Freiheitsdrang der V\u00f6lker, gleichg\u00fcltig, auf welchen Breitengraden sie leben. \u201eAlle freien Menschen sind ein einzig\u2018 Volk\u201c, dieser Teil des R\u00fctli-Schwurs aus Wilhelm Tell findet auch auf den Philippinen seinen Widerhall. Verschachtelte Parallelen zwischen der Situationsanalyse und dem Entstehen und Organisieren des Widerstandes in der Schweiz und in den Philippinen f\u00fchrt zu den ewigen Fragen solcher vorrevolution\u00e4rer Situationen. Auf der einen Seite die Herausforderung, f\u00fcr die Freiheit zu k\u00e4mpfen, \u201ew\u00e4hrend den Alten im Tal ihre Steinh\u00e4user wichtiger sind.\u201c Auf der anderen Seite das permanente Abw\u00e4gen, bis wann man abwarten sollte, ab wann gehandelt werden m\u00fcsste. Die Kritik an den herrschenden Machtverh\u00e4ltnissen und der Unfreiheit f\u00fcr die Untertanen ist der rote Faden. Sind es in Schweiz die weltlichen Herrscher, richtet sich Rizals massive Kritik in \u201eNoli me tangiere\u201c vor allem an die katholische Kirche und verschiedene M\u00f6nchsorden im Besonderen. Dennoch differenziert Rizal bei aller Kritik: So er lehnt zwar den philippinischen Wunderglauben mit Blick auf an die K\u00fcsten gesp\u00fclte Heiligenstatuen ab, \u201eaber er teilt den Schluss, den das Volk aus der Legende zieht: Man darf die christliche Religion nicht auf die unw\u00fcrdigen Instrumente ihrer Verbreitung reduzieren\u201c. Eine weitere besondere Verbindung dieser beiden Parallelerz\u00e4hlungen gelingt durch die Herausforderung, Schiller in Tagalog zu \u00fcbertragen. Tagalog, die Sprache der gr\u00f6\u00dften Ethnie der Philippinen, bildet die Grundlage&nbsp;&nbsp;f\u00fcr das \u201eFilipino\u201c, die offizielle Sprache der Philippinen neben dem Englischen und bedeutet \u201eHerkunft vom Flu\u00df\u201c. 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