{"id":2039,"date":"2025-06-11T03:28:06","date_gmt":"2025-06-11T03:28:06","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=2039"},"modified":"2025-06-11T03:28:08","modified_gmt":"2025-06-11T03:28:08","slug":"barbara-kingsolver-die-unbehausten-unsheltered","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/k\/barbara-kingsolver-die-unbehausten-unsheltered\/","title":{"rendered":"Barbara Kingsolver: Die Unbehausten \/ Unsheltered"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"576\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_1586-576x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2041\" style=\"width:849px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_1586-576x1024.jpeg 576w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_1586-169x300.jpeg 169w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_1586-768x1365.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_1586-864x1536.jpeg 864w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_1586-1152x2048.jpeg 1152w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_1586-7x12.jpeg 7w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_1586-scaled.jpeg 1440w\" sizes=\"(max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wir lernen zwei US-amerikanische Familien kennen, die unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten. Vor allem aber leben diese Familien in verschiedenen Jahrhunderten. Familie Knox treffen wir kurz vor der ersten Trump-Pr\u00e4sidentschaft, Familie Greenwood in der Zeit der Pr\u00e4sidentschaft von Ulysses S. Grant (1869-1977).<\/p>\n\n\n\n<p>Sie eint, dass sie aufgrund des beruflich-akademischen Nomadentums der Ehem\u00e4nner in Vineland\/New Jersey landen und ihre beiden, gegen\u00fcber gelegenen H\u00e4user sich in einem abrissreifen Zustand befinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Hiobsbotschaft beginnt der Roman f\u00fcr die Familie Knox.<\/p>\n\n\n\n<p>Willa Knox, Mittf\u00fcnfzigerin, arbeitslose Journalistin, verheiratet mit Iano, griechischer Abstammung, macht eine schwierige Zeit durch. Ein Jahr zuvor sind ihre Mutter und Tante verstorben, ihr Schwiegervater, schwerer Pflegefall und Trump-hardliner, der auch unabh\u00e4ngig von seiner politischen Einstellung ein egoistischer Kotzbrocken sein kann, ist eine zunehmende h\u00e4usliche Belastung, und mit ihrer Tochter Tig, von Antigone, hat sie auch keine tragf\u00e4hige Beziehung aufbauen k\u00f6nnen. Tig wiederum befindet sich in einer Dauerfehde mit ihrem im Investmentbereich arbeitenden \u00e4lteren Bruder Zeke, Verst\u00e4ndigung und Verst\u00e4ndnis gleich Null. Auf der anderen Seite ist sie aber voller Verst\u00e4ndnis und F\u00fcrsorge f\u00fcr ihren ebenso kranken wie unertr\u00e4glichen Gro\u00dfvater.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie das so ist im Leben: Manchmal hat man kein Gl\u00fcck, und dann kommt noch Pech dazu. In der Nacht nach der Hausbotschaft begeht Willas depressive Schwiegertochter Selbstmord und l\u00e4sst ihren Mann Zeke mit dem wenige Wochen alten Sohn zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"631\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_3282-631x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2040\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_3282-631x1024.jpeg 631w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_3282-185x300.jpeg 185w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_3282-768x1246.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_3282-947x1536.jpeg 947w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_3282-7x12.jpeg 7w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/IMG_3282.jpeg 1111w\" sizes=\"(max-width: 631px) 100vw, 631px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrt dann zur berechtigten Frage, wie \u201ezwei hart arbeitende Menschen alles richtig machen im Leben, und dann in ihren F\u00fcnfzigern mit leeren H\u00e4nden dastehen\u201c. Ihre Tochter Tig ist da realistischer: Alles richtig zu machen bringt einem \u201ea big fucking nothing\u201c!<\/p>\n\n\n\n<p>Thatcher Greenwood, lebt mit seiner Frau Rose, deren Schwester Polly und ihrer Mutter in einem ebenfalls abrissgef\u00e4hrdeten Haus. Die Belastung dieser Ehe liegt darin, dass es Thatcher zwar gelungen ist, auf der sozialen Leiteretwas aufzusteigen und Rose, ihren sozialen Abstieg halbwegs zu managen, ihre Beziehung sich aber wegen des Gewichts ihrer unterschiedlichen Herkunft in einer schwierigen Balance&nbsp;befindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn es mit abrissreifen H\u00e4usern beginnt, die \u201eUnbehaustheit\u201c geht weit \u00fcber die Frage einer Unterkunft, des Wohnens, der Reparatur oder des Abrisses eines Haues hinaus. Behaust zu sein, im schlichten Sinne von ein \u201eDach \u00fcber dem Kopf\u201c zu haben, ist dabei vielleicht sogar oft das am einfachsten zu l\u00f6sende Problem.<\/p>\n\n\n\n<p>Man bemerkt erst langsam, in welche Dimensionen menschlichen Lebens und Fragens einem dieser Roman hineinzieht. Immer \u00f6fter wird der Begriff \u201eunbehaust\u201c in neue Zusammenh\u00e4nge gestellt, gewinnt dadurch seine Faszination und Tiefe, und wirft geradezu philosophische Fragen auf, ohne dass der Roman sich in philosophische Er\u00f6rterungen oder universit\u00e4r-akademische H\u00f6henfl\u00fcge versteigt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnbehaustheit\u201c beschreibt zum einen eine (multidimensionale) Verlusterfahrung, sei sie materieller Natur wie der Verlust von Haus, Job oder Ersparnissen oder immaterieller Natur wie der Verlust eines geliebten Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff umfasst aber auch schlichte Unsicherheitserfahrung. Wie sich zurechtfinden und Hilfe finden im Dschungel des US-amerikanischen Gesundheitssystems, durch dessen Raster so viele Menschen fallen? Oder wie umgehen mit dem permanenten Damoklesschwert des Jobverlustes, der Instabilit\u00e4t, der wirtschaftlichen Situation, eines immer wieder erforderlichen Umzugs und damit verbundener \u00f6rtlicher und sozialerEntwurzelung?<\/p>\n\n\n\n<p>Tig \u00e4u\u00dferst hier scharfe Kritik. Die Jagd nach Sicherheit in Form einer beruflichen Dauerstellung habe die langfristige Gemeinschaft der Familie geopfert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden wichtigsten Dimensionen scheinen mir jedoch die folgenden zu ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen eine Situation, in der man auch in einer Ehe zunehmend allein sein kann. Diese Erfahrung macht Thatcher Greenwood. W\u00e4hrend er als engagierter Lehrer und Naturwissenschaftler arbeitet, ersch\u00f6pft sich das Leben seiner Frau und deren Familie in der Geborgenheit des sozialen Mainstreams Gleichgestellter, in Status, mehr Schein als Sein und der Dominanz materieller Werte. Seine Frau interessiert sich nicht im Geringsten f\u00fcr seine Arbeit oder Gedanken, man redet und lebt miteinander aneinander vorbei, Thatcher f\u00fchlt sich unsichtbar im eigenen Haus und in seiner Ehe alles andere als behaust.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Er findet kommunikative und intellektuelle Zuflucht bei der Nachbarin, Mary Treat. Die intensiver werdenden wissenschaftlichen Diskussionen zwischen ihnen, gemeinsmae Interessen und das vertraute Zusammensein f\u00fchren dazu, dass Thatcher den Eindruck hat, Mary k\u00f6nne in seine Seele blicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Treat, eine bekannte Biologin (1830-1923), korrespondiert selbst mit Charles Darwin und Asa Gray.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So fiktiv die Handlung und die Personen auch sind, hier kommt nun der historisch belegte Hintergrund zum Tragen: Die erbitterte Auseinandersetzung \u00fcber die Thesen von Charles Darwin in seinem Ende 1859 ver\u00f6ffentlichten Buch \u201e\u00dcber die Entstehung der Arten\u201c. Diese Debatte wird auch im kleinen Vineland zum zentralen Thema.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Streit wird deutlich, dass die Begriffe von \u201eFundament\u201c, \u201eDach\u201c und \u201eBehaustheit\u201c in dem Moment geradezu metaphysische Dimensionen annehmen k\u00f6nnen, in dem tradierte Weltsichten, Glaubensgewissheiten und die \u00dcberzeugung, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein, in Frage gestellt werden. So kommt es nach vielen Vorgepl\u00e4nkeln zum \u00f6ffentlichen Showdown zwischen Thatcher und seinem Schuldirektor Cutler. F\u00fcr diesen, der alle Lehren w\u00f6rtlich aus der Bibel zieht, ist Darwin der Leibhaftige, der Gottes Sch\u00f6pfung leugnet. Disziplin und moralische Erziehung sind die Pfeiler seiner P\u00e4dagogik, da hat kritisches Denken ebenso wenig zu suchen wie die Suche nach neuen Erkenntnissen. Nicht einmal f\u00fcr Toleranz, ein anderes Denken wenigstens zu akzeptieren, bleibt Raum. Die Wahrheit durch Gott zu finden, wird h\u00f6her veranschlagt als die eigene Vernunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u201evollst\u00e4ndige Orientierungslosigkeit im Universum\u201c ruft viele Aggressionen auf den Plan. Mary: \u201eIch vermute, es liegt in unserer Natur. Wenn Menschen f\u00fcrchten, ihre Gewissheiten zu verlieren, werden sie jedem Tyrannen folgen, der ihnen verspricht, die alte Ordnung wiederherzustellen\u201c. Eine zeitlose Diagnose.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer \u00f6ffentlich inszenierten Debatte wird schnell klar, dass Thatcher auf verlorenem Posten steht und seine Stelle an der Schule verlieren wird. F\u00fcr Mary wenig \u00fcberraschend: Die alten Mythologien sind f\u00fcr die meisten Menschen eine Komfortzone. Nur sehr wenige sind in der Lage, den Wegfall dieser Mythologien als Chance f\u00fcr neues Sehen zu nehmen. Selbst die so rationale Mary sagt, dass man ohne \u201eBehaustsein\u201c wie im Tageslicht steht und es sich anf\u00fchlt wie Sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Charaktere in diesem Roman sind eindr\u00fccklich geschildert, keiner bleibt blass. Schlichtweg Freude bereitet die Entwicklung der zun\u00e4chst nahezu unbemerkt zur Hauptfigur und Heldin heranreifenden Tig, die sich als tiefgr\u00fcndiger entpuppt als das problematische Wesen, als das sie eingangs geschildert wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, sie hat ein anderes Sicherheitsverst\u00e4ndnis als ihre Eltern: Ja, es mag sich anf\u00fchlen wie sterben, wenn man das Dach \u00fcber den Kopf verliert, \u201eaber mit Sicherheit findest du keinen Ausweg aus diesem Mist, wenn du weiter Steine aufhebst und in deine Taschen steckst, was du machen musst, ist nach blauem Himmel zu suchen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie will kein Leben im Hamsterrad und sieht in geringeren Erwartungen auch die Chance auf mehr Gl\u00fcck. Sie scheut aber auch keine Verantwortung. Sie ist vielmehr diejenige, die \u00fcber einen \u00e4u\u00dferst lebensnahen, und trotz ihrer Jugend nahezu lebensgest\u00e4hlten Praxissinn verf\u00fcgt und in der Lage ist, sich an ver\u00e4nderte Umst\u00e4nde anzupassen, Aufgaben und lebensver\u00e4ndernde Herausforderungen zu akzeptieren und anzugehen, wie kaum ein anderer in dieser Familie die Richtung vorzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>So banal es auch klingt, nichts h\u00e4lt f\u00fcr ewig und der Mensch ist notgedrungen immer im Wandel und auf der Suche begriffen. Behaust, besch\u00fctzt zu sein oder zu bleiben, beinhaltet daher auch, diesen Wandel anzunehmen und zu gestalten versuchen. Dies f\u00fchrt dann auch zur Frage nach den Konstanten, die solche Wechsel ertr\u00e4glich machen. Im Falle von Willa und Iano ist dies sicherlich ihre jahrzehntelange Liebe zueinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Aus in Vineland ergibt sich f\u00fcr Willa und Iano eine neue berufliche Perspektive in Philadelphia. Das Auspacken lange vergessener Kisten, das Sichten, Aussortieren und Wegwerfen als Sinnbild des \u201ealten Lebens\u201c und Beginn eines neuen Abschnittes wird sehr sch\u00f6n und eindr\u00fccklich geschildert. Jeder d\u00fcrfte diese Erfahrung schon mal gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Willa findet im Heimatmuseum Unterlagen von Thatcher und Mary, darunter eine von Thatcher stammende Zeichnung mit einer Widmung an Mary: \u201eUnbehaust lebe ich im Tageslicht. Und wie ein umherziehender Vogel ruhe ich in Dir\u201c. Auch Thatcher, der schlie\u00dflich von den \u201eSeinen\u201c vertrieben wird, findet eine neue \u201eBehausung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Man begleitet beide Familien in ihrem Auf und Ab. Da wird nichts besch\u00f6nigt oder idealisiert, das Leben wird nicht zum romanhaften Ponyhof. Es findet auch nicht alles und jeder ein Happy End.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich bleibt aber eine positive, optimistische Grundbotschaft des Buches: Es gibt immer einen anderen Weg, Auswege, neue Optionen. Aber es formuliert auch eine Herausforderung: Das \u201eBehaustsein\u201c sollte nicht um jeden Preis gesucht werden, man sollte auch einstehen f\u00fcr die eigene Auffassung, auch gegen\u00fcber Widerst\u00e4nden, auch wenn der Preis hoch sein mag.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnsheltered\u201c, \u201eDie Unbehausten\u201c, ist Kingsolvers drittes Buch (2018). Es war mein erstes, wird aber nicht mein letztes bleiben. Neben \u201eDemon Copperhead\u201c, ein monatelanger Hype auf allen Kan\u00e4len, liegen \u201eThe Poisonwoodbible\u201c\/\u201eDie Giftholzbibel\u201c und \u201eThe Bean Trees\u201c bereit. Ich freue mich darauf, diese Autorin weiter zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unbehausten<\/p>\n\n\n\n<p>dtv<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbersetzt von Dirk van Gusteren<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3423284639<\/p>\n\n\n\n<p>Unsheltered<\/p>\n\n\n\n<p>Faber&amp;Faber<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: ISBN-10<\/p>\n\n\n\n<p>0571347029<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN-13<\/p>\n\n\n\n<p>978-0571347025<\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2039\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2039\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir lernen zwei US-amerikanische Familien kennen, die unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten. 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Das f\u00fchrt dann zur berechtigten Frage, wie \u201ezwei hart arbeitende Menschen alles richtig machen im Leben, und dann in ihren F\u00fcnfzigern mit leeren H\u00e4nden dastehen\u201c. Ihre Tochter Tig ist da realistischer: Alles richtig zu machen bringt einem \u201ea big fucking nothing\u201c! Thatcher Greenwood, lebt mit seiner Frau Rose, deren Schwester Polly und ihrer Mutter in einem ebenfalls abrissgef\u00e4hrdeten Haus. Die Belastung dieser Ehe liegt darin, dass es Thatcher zwar gelungen ist, auf der sozialen Leiteretwas aufzusteigen und Rose, ihren sozialen Abstieg halbwegs zu managen, ihre Beziehung sich aber wegen des Gewichts ihrer unterschiedlichen Herkunft in einer schwierigen Balance&nbsp;befindet. Auch wenn es mit abrissreifen H\u00e4usern beginnt, die \u201eUnbehaustheit\u201c geht weit \u00fcber die Frage einer Unterkunft, des Wohnens, der Reparatur oder des Abrisses eines Haues hinaus. 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