{"id":2030,"date":"2025-06-01T02:04:55","date_gmt":"2025-06-01T02:04:55","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=2030"},"modified":"2025-06-01T02:04:57","modified_gmt":"2025-06-01T02:04:57","slug":"wang-xiaobo-das-goldene-zeitalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/x\/wang-xiaobo-das-goldene-zeitalter\/","title":{"rendered":"Wang Xiaobo: Das Goldene Zeitalter"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1884-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1960\" style=\"width:834px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1884-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1884-225x300.jpeg 225w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1884-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1884-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1884-9x12.jpeg 9w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1884-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das \u201eGoldene Zeitalter\u201c ist ein Roman einer tiefgreifenden Desillusionierung und brutalen Lebensbilanz. Der Erz\u00e4hler Wang Er: \u201eErst sp\u00e4ter wurde mir klar: Leben hei\u00dft, dass man in einem langen qualvollen Prozess die Eier mit dem Hammer zertr\u00fcmmert kriegt. Mit jedem Tag, den man \u00e4lter wird, b\u00fc\u00dft man seine Tr\u00e4ume ein, um irgendwann wie eines dieser kastrierten Rinder zu werden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir begleiten Wang Er durch Jahrzehnte seines Lebens. Es handelt sich um keine strikt chronologische Erz\u00e4hlung. In Einsch\u00fcben berichtet er aus seiner Sch\u00fcler- und Jugendzeit oder seiner Zeit, als er mit 40 Jahren geschieden wieder bei seiner Mutter wohnt oder der Phase, als sein unmittelbarer Vorgesetzter, der ihn bereits als Sch\u00fcler kannte, ihm seine Sch\u00fclerliebe weggeheiratet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Bericht beginnt in Yunnan, einer s\u00fcdwestlichen Grenzregion Chinas, wohin er in der chinesischen Kulturevolution mit dem Ziel der politischen Umerziehungverbannt wurde. Er lernt die \u00c4rztin Chen kennen, sie beginnen eine Beziehungund werden \u201eentdeckt\u201c. \u00dcber Monate hinweg m\u00fcssen beide schriftliche Selbstkritik \u00fcben wegen ihrer illegitimenBeziehung, die nach Auffassung der Kommunistischen Partei ins moralische Verderben f\u00fchrt. Die Parteikader sind aber dennoch offensichtlich an allen intimen Details \u00e4u\u00dferst interessiert. Die Berichtspflicht der beiden S\u00fcnder nimmt kein Ende. Das Paar muss \u00f6ffentliche \u201eKampf und Kritik-Sitzungen\u201c \u00fcber sich ergehen lassen, seine moralische Verkommenheit bekennen und der Partei danken, die sie \u201evom Dunkel ins Licht\u201c gef\u00fchrt hat. Zur moralischen Reinigung werden sie schlie\u00dflich sogar zum Heiraten gezwungen, lassen sich am gleichen Nachmittag aber wieder scheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz aller Verfolgung, Unterdr\u00fcckung und Erniedrigung bezeichnen Wang Er und Chen diese Jahre als ihr \u201eGoldenes Zeitalter\u201c mit einer \u201eMenge extravaganter Tr\u00e4ume\u201c. Denn langfristig ziehen beide eine brutale Lebensbilanz. Chen steht ihrem ehemaligen Geliebten in seinem brutalen Realismus in nichts nach: \u201eDer Mensch ist auf der Welt, um bis zu seinem Tod gedem\u00fctigt zu werden. Wer das einmal verstanden hat, ist in der Lage, alles mit Gelassenheit zu ertragen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In weiteren Kapiteln begleiten wir Wang Er nach seiner R\u00fcckkehr nach Peking in seinem neuen Lebensabschnitt als Hochschuldozent. Er wandelt immer am Rande eines Disziplinarverfahrens und damit weiterer Massnahmen der Partei, kann aber auf die R\u00fcckendeckung durch den Rektorbauen, der ihn f\u00fcr ein gro\u00dfes Talent h\u00e4lt. Auch wenn trotz seiner Personalakte alle S\u00fcnden aus der Vergangenheit weitgehend vergessen sind ist die Decke f\u00fcr sein berufliches Fortkommen eingezogen, ein Auslandsaufenthalt wird ihm verweigert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wang Er versucht aber, sich treu zu bleiben: \u201eAus meiner Sicht besitzt das Dasein selbst einen unendlichen Zauber. Grund genug, leerem Ruhm und Reichtum zu entsagen. Ich habe keine Lust, anderen etwas vorzumachen, es sei denn, man zwingt mich mit Gewalt dazu. Diese Haltung hat mir nie Vorteile eingebracht. Aber angenommen, ich w\u00fcrde mein Dasein aufgeben was h\u00e4tte ich dann davon?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Viel sp\u00e4ter hat er dann gelernt, aus der erlittenen Not vielleicht keine Tugend, aber ein \u00dcberlebensinstrument zu machen,wenn er erkennt, dass ab einem bestimmten Punkt der Umstand, Intellektueller zu sein, auch seine Vorteile hatte: \u201eJeder wusste, dass unsereiner nichts zu verlieren hatte, mit M\u00e4rtyrern wie uns legt man sich besser nicht an\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wang Er sieht aber auch seine Grenzen: \u201eWollte ich behaupten, mit ganzer Wahrhaftigkeit \u00fcber unsere verflossenen Jahre geschrieben zu haben, w\u00e4re ich des Verbrechens der Heuchelei schuldig\u201c. Auch f\u00fchren die permanente \u00dcberwachung und Bedrohung zu einer Art ironischen Selbsthypnose des Betroffenen, wenn er sich mit den Worten beruhigen will: \u201eMan darf nicht alles glauben, was man denkt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Kritik am kommunistischen Regime geht es Xioaboum Grunds\u00e4tzliches, aber auch um die \u201eBlo\u00dfstellung seiner Absurdit\u00e4t\u201c. So beispielsweise, wenn der Parteikader ihm sagt, eigentlich seien Chen und er ja nicht gemeint, aber man habe aktuell einen \u201eMangel an Konterrevolution\u00e4ren\u201c, die man\u00f6ffentlich vorf\u00fchren k\u00f6nne, aber sie beiden seien ja verkommen genug, um diese Rolle zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wang Er zeigt aber auch, wie das System, wenngleich nur punktuell, zu bezwingen ist. Der st\u00e4ndigen Anforderung neuer Beziehungsberichte f\u00fcr l\u00fcsterne Parteikader \u00fcberdr\u00fcssig,verfasst Chen erstmals ein nicht mit Wang Er abgestimmtes Gest\u00e4ndnis &#8211; und beide werden aus der Verbannung entlassen.Erst Jahrzehnte sp\u00e4ter treffen sie sich zuf\u00e4llig und letztmalig wieder. Sie arriviert mit studierender Tochter, er als Gro\u00dfstadtbewohner und Hochschullehrer, dennoch aber davon \u00fcberzeugt, dass er es \u00fcber den Status eines \u201enutzlosen Banditen\u201c nicht hinausgeschafft hat. Jetzt erst erf\u00e4hrt Wang Er den Inhalt des Gest\u00e4ndnisses. Nicht Dutzende von Gest\u00e4ndnissen, die Beziehung zu Wang Er eingegangen zu sein und was im Bett alles geschah, sondern es aus \u00dcberzeugung und dazu noch gerne getan zu haben, hatte den Parteikadern die Aussichtslosigkeit ihres Erziehungsmodells vor Augen gef\u00fchrt. Eine kafkaeske Entwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn vielfach politisch Belangloses erz\u00e4hlt wird, seine Kritik an der Parteidiktatur zieht sich wie ein roter, manchmal dunkel-, manchmal blassroter Faden, durch den Roman. Vor allem die Gr\u00e4uel der Kulturrevolution brechen immer wieder durch: \u201ePeking war damals in eine d\u00fcstere Wolke geh\u00fcllt, die sich nie aufl\u00f6ste, wie ein z\u00e4her Klumpen Schleim. Unz\u00e4hlige Angeh\u00f6rige der Bergbauuni kamen in jener Zeit ums Leben, sprangen aus dem Fenster wie Herr He, erh\u00e4ngten sich, vergifteten sich, manche stachen sich sogar selbst mit Scheren und boten einen grauenhaften Anblick. Eine Angelegenheit wie die von Herrn He nahm sich dagegen wie ein harmloser Scherz aus\u201c. Dieser Herr He wurde in der Kulturrevolution als Trotzkist \u201eentlarvt\u201c und im Auditorium der Universit\u00e4t \u201enur\u201c gepr\u00fcgelt und gen\u00f6tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem im ersten Kapitel wird man bald etwas genervt, weil es zun\u00e4chst nur darum zu gehen scheint, wann, wo, wie und wie oft er mit Chen schl\u00e4ft. Das setzt sich in abgewandelter Form und mit anderen Gespielinnen auch in den folgenden Kapiteln fort. In Kenntnis so manch anderer literarischer Zeugnisse \u00fcber Diktaturzeiten fremdelt man zun\u00e4chst mit diesem Ansatz. Das soll Verarbeitungs- oder gar Widerstandsliteratur sein? Auch ist die lakonisch-ironische Form des Berichts sicherlich nicht allt\u00e4glich f\u00fcr diese Art von normalerweise \u201eschwerer Literatur\u201c und daher gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss aber folgendes bedenken: Zum einen, dass es sich um einen Kulturkreis und einen politischen Kontext handelt, der uns vorsichtig ausgedr\u00fcckt nicht gerade sehr vertraut ist. Zudem lesen wir diesen Roman mit \u00fcber 30-j\u00e4hrigen Abstand zu seiner Ver\u00f6ffentlichung im Jahre 1992 und mit rund 50 Jahren Abstand zu den Zeiten der Kulturrevolution, w\u00e4hrend der die Kommunistische Partei Chinas ihre Allmachtsphantasien bis in die kleinste Privatangelegenheit auslebte und Millionen von Menschenleben vernichtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher hilft die Einordnung seines Schreibens im Nachwort: \u201eSeine Art, die g\u00e4ngigen literarischen Narrative \u00fcber die Kulturrevolution \u2013 von den Opferbekenntnissen der so genannten Wundenliteratur in den fr\u00fchen Achtzigern bis zur melodramatischen Verkl\u00e4rung in den fr\u00fchen Neunzigern \u2013 durch Sex als anarchistische Widerstandsform zu dekonstruieren, war so unerh\u00f6rt wie innovativ\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenngleich das \u201eGoldene Zeitalter\u201c keine Autobiografie im strengen Sinne sein soll, so ist der Erz\u00e4hler Wang Er dennochwohl vielfach literarisches Alter Ego des Autors. Wang Xiaobo (1952-1997) erlebte als Kind den Irrsinn der maoistischen Kampagnen wie \u201eDer gro\u00dfe Sprung nach vorn\u201c (die Zahl der Toten bewegt sich nach Sch\u00e4tzungen auf bis zu 55 Millionen Menschen) oder die ebenso verheerende Kulturrevolution mit ihrem allt\u00e4glichen Terror und seine eigene Verbannung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Goldene Zeitalter\u201c war sein erstes gr\u00f6\u00dferes literarisches Werk, das erst 1992 ver\u00f6ffentlicht wurde, und auch das nicht in China, sondern in Taiwan. In der VR China erschien sein Werk erst wenige Jahre nach seinem Tod, da war er bereits \u201eunter jungen chinesischen Intellektuellen der Post- Tianmen-Generation in der chinesischsprachigen Welt au\u00dferhalb der VR zu einem gefeierten Kult Autor geworden\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Goldene Zeitalter\u201c ist bislang das einzige auf Deutsch erschienene Buch Wang Xiaobos.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Matthes &amp; Seitz, Berlin<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN 978 3 7518 0988 7<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbersetzt von Karin Betz<\/p>\n\n\n\n<p>La edad de oro<\/p>\n\n\n\n<p>Galaxia Gutenberg<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN 978-841797 1625<\/p>\n\n\n\n<p>Golden Age<\/p>\n\n\n\n<p>Penguin Modern Classics<\/p>\n\n\n\n<p>978-0241634226<\/p>\n\n\n\n<p>#wangxiaobo<\/p>\n\n\n\n<p>#das goldenezeitalter<\/p>\n\n\n\n<p>#matthesundseitz<\/p>\n\n\n\n<p>#chinesischekulturrevolution<\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2030\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"2030\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das \u201eGoldene Zeitalter\u201c ist ein Roman einer tiefgreifenden Desillusionierung und brutalen Lebensbilanz. 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Er lernt die \u00c4rztin Chen kennen, sie beginnen eine Beziehungund werden \u201eentdeckt\u201c. \u00dcber Monate hinweg m\u00fcssen beide schriftliche Selbstkritik \u00fcben wegen ihrer illegitimenBeziehung, die nach Auffassung der Kommunistischen Partei ins moralische Verderben f\u00fchrt. Die Parteikader sind aber dennoch offensichtlich an allen intimen Details \u00e4u\u00dferst interessiert. Die Berichtspflicht der beiden S\u00fcnder nimmt kein Ende. Das Paar muss \u00f6ffentliche \u201eKampf und Kritik-Sitzungen\u201c \u00fcber sich ergehen lassen, seine moralische Verkommenheit bekennen und der Partei danken, die sie \u201evom Dunkel ins Licht\u201c gef\u00fchrt hat. Zur moralischen Reinigung werden sie schlie\u00dflich sogar zum Heiraten gezwungen, lassen sich am gleichen Nachmittag aber wieder scheiden. Trotz aller Verfolgung, Unterdr\u00fcckung und Erniedrigung bezeichnen Wang Er und Chen diese Jahre als ihr \u201eGoldenes Zeitalter\u201c mit einer \u201eMenge extravaganter Tr\u00e4ume\u201c. Denn langfristig ziehen beide eine brutale Lebensbilanz. Chen steht ihrem ehemaligen Geliebten in seinem brutalen Realismus in nichts nach: \u201eDer Mensch ist auf der Welt, um bis zu seinem Tod gedem\u00fctigt zu werden. Wer das einmal verstanden hat, ist in der Lage, alles mit Gelassenheit zu ertragen\u201c. In weiteren Kapiteln begleiten wir Wang Er nach seiner R\u00fcckkehr nach Peking in seinem neuen Lebensabschnitt als Hochschuldozent. Er wandelt immer am Rande eines Disziplinarverfahrens und damit weiterer Massnahmen der Partei, kann aber auf die R\u00fcckendeckung durch den Rektorbauen, der ihn f\u00fcr ein gro\u00dfes Talent h\u00e4lt. Auch wenn trotz seiner Personalakte alle S\u00fcnden aus der Vergangenheit weitgehend vergessen sind ist die Decke f\u00fcr sein berufliches Fortkommen eingezogen, ein Auslandsaufenthalt wird ihm verweigert. Wang Er versucht aber, sich treu zu bleiben: \u201eAus meiner Sicht besitzt das Dasein selbst einen unendlichen Zauber. Grund genug, leerem Ruhm und Reichtum zu entsagen. Ich habe keine Lust, anderen etwas vorzumachen, es sei denn, man zwingt mich mit Gewalt dazu. Diese Haltung hat mir nie Vorteile eingebracht. Aber angenommen, ich w\u00fcrde mein Dasein aufgeben was h\u00e4tte ich dann davon?\u201c Viel sp\u00e4ter hat er dann gelernt, aus der erlittenen Not vielleicht keine Tugend, aber ein \u00dcberlebensinstrument zu machen,wenn er erkennt, dass ab einem bestimmten Punkt der Umstand, Intellektueller zu sein, auch seine Vorteile hatte: \u201eJeder wusste, dass unsereiner nichts zu verlieren hatte, mit M\u00e4rtyrern wie uns legt man sich besser nicht an\u201c. 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Auch wenn vielfach politisch Belangloses erz\u00e4hlt wird, seine Kritik an der Parteidiktatur zieht sich wie ein roter, manchmal dunkel-, manchmal blassroter Faden, durch den Roman. Vor allem die Gr\u00e4uel der Kulturrevolution brechen immer wieder durch: \u201ePeking war damals in eine d\u00fcstere Wolke geh\u00fcllt, die sich nie aufl\u00f6ste, wie ein z\u00e4her Klumpen Schleim. Unz\u00e4hlige Angeh\u00f6rige der Bergbauuni kamen in jener Zeit ums Leben, sprangen aus dem Fenster wie Herr He, erh\u00e4ngten sich, vergifteten sich, manche stachen sich sogar selbst mit Scheren und boten einen grauenhaften Anblick. Eine Angelegenheit wie die von Herrn He nahm sich dagegen wie ein harmloser Scherz aus\u201c. Dieser Herr He wurde in der Kulturrevolution als Trotzkist \u201eentlarvt\u201c und im Auditorium der Universit\u00e4t \u201enur\u201c gepr\u00fcgelt und gen\u00f6tigt. Vor allem im ersten Kapitel wird man bald etwas genervt, weil es zun\u00e4chst nur darum zu gehen scheint, wann, wo, wie und wie oft er mit Chen schl\u00e4ft. Das setzt sich in abgewandelter Form und mit anderen Gespielinnen auch in den folgenden Kapiteln fort. In Kenntnis so manch anderer literarischer Zeugnisse \u00fcber Diktaturzeiten fremdelt man zun\u00e4chst mit diesem Ansatz. Das soll Verarbeitungs- oder gar Widerstandsliteratur sein? Auch ist die lakonisch-ironische Form des Berichts sicherlich nicht allt\u00e4glich f\u00fcr diese Art von normalerweise \u201eschwerer Literatur\u201c und daher gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Man muss aber folgendes bedenken: Zum einen, dass es sich um einen Kulturkreis und einen politischen Kontext handelt, der uns vorsichtig ausgedr\u00fcckt nicht gerade sehr vertraut ist. 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