{"id":1965,"date":"2025-02-01T23:03:12","date_gmt":"2025-02-01T23:03:12","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=1965"},"modified":"2025-02-01T23:04:08","modified_gmt":"2025-02-01T23:04:08","slug":"carl-goerdeler-ein-deutscher-buerger-gegen-hitler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/t\/carl-goerdeler-ein-deutscher-buerger-gegen-hitler\/","title":{"rendered":"Carl Goerdeler: Ein deutscher B\u00fcrger gegen Hitler"},"content":{"rendered":"<p>von Peter Theiner<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"802\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1881-802x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1963\" style=\"width:840px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1881-802x1024.jpeg 802w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1881-235x300.jpeg 235w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1881-768x980.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1881-1203x1536.jpeg 1203w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1881-1604x2048.jpeg 1604w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1881-9x12.jpeg 9w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_1881-scaled.jpeg 2005w\" sizes=\"(max-width: 802px) 100vw, 802px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Carl Goerdeler ist sicherlich eines der prominentesten Gesichter des zivilen Widerstandes gegen Hitler. Sein Auftritt in dem entw\u00fcrdigenden Schauprozess vor dem Volksgerichtshof unter dem Nazi Schergen Freisler hat sich in das kollektive Ged\u00e4chtnis Deutschlands eingebrannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Goerdeler wurde am 2. Februar 1945 in Berlin-Pl\u00f6tzensee hingerichtet. Sein Verm\u00e4chtnis bleibt als Mahnung und Verpflichtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft wird kritisiert, dass die Erinnerung an den Widerstand zu sehr auf den 20. Juli 1944 fokussiert wird und andere Initiativen \u00fcberlagert. Dies trifft auch auf die Rolle Goerdelers zu. Soweit erkennbar, hat sich die \u00f6ffentliche Perzeption dieser Biographie bisher in Grenzen gehalten. Nur die SZ, die LVZ, der MDR und der DF haben sie rezensiert. Sofern mir da nicht Einiges entgangen sein sollte, ein besch\u00e4mender Befund.<\/p>\n\n\n\n<p>Carl Goerdeler auf den ihm geb\u00fchrenden Platz in der Geschichte des Widerstands gegen das Nazi-Regime gestellt zu haben, ist das bleibende Verdienst dieser Biographie.<\/p>\n\n\n\n<p>Carl Goerdeler, Jahrgang 1884, stammte aus einer traditionellen ostpreu\u00dfischen Beamtenfamilie, damit verbunden ein ihn lebenslang pr\u00e4gendes Werteger\u00fcst. Auch sein christlicher Glaube \u201ewar f\u00fcr ihn eine moralische Ressource, die ihm in gewissen Fragen den R\u00fccken st\u00e4rken w\u00fcrde\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Goerdeler studierte Jura, sammelte Erfahrungen im Bankwesen und erwarb ein profundes Verst\u00e4ndnis wirtschaftlicher Zusammenh\u00e4nge. Sehr fr\u00fch entschied er sich f\u00fcr eine kommunalpolitische Laufbahn, in der er mehr pers\u00f6nliche Handlungsfreiheit und sich n\u00e4her an den Lebensrealit\u00e4ten der Menschen sah. Goerdeler blieb zeitlebens ein entschiedener Verfechter der kommunalen Selbstverwaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Goerdeler, seit 1930 in Leipzig t\u00e4tig, erwarb sich auch auf nationaler Ebene einen soliden Ruf als hervorragender Kommunalpolitiker und wurde selbst als Kandidat f\u00fcr das Amt des Reichskanzlers der Weimarer Republik gehandelt. Dies f\u00fchrte zu zahlreichen Kontakten in Politik und Wirtschaft, die ihm auch w\u00e4hrend seiner Widerstandszeit n\u00fctzlich waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesem gefestigten Ruf hat er es zu verdanken, dass er bei der Machtergreifung der Nazis nicht, wie die gro\u00dfe Mehrheit aller anderen nicht NS-B\u00fcrgermeister, aus dem Amt entfernt wurde. Die Nazis, so die Einsch\u00e4tzung des Biografen, wollten sich zun\u00e4chst nicht mit einem derart anerkannten und beliebten Oberb\u00fcrgermeister anlegen, sich vielmehr seine Expertise zu Nutze machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser \u201eselektiven Indienstnahme\u201c seitens der Nazis entsprach der Versuch Goerdelers, weitere destruktive Entwicklungen zu verhindern, den \u201eNormen-Staat\u201c gegen den \u201eMa\u00dfnahmen-Staat\u201c der Nazistrategie zu sch\u00fctzen. Deutlich wurde aber auch, dass sich Goerdeler durch die Nazis inhaltlich oder institutionell nicht w\u00fcrde vereinnahmen lassen. Die Ambivalenz liegt nach Theiner darin begr\u00fcndet, dass \u201eimmer wieder..in seiner Biografie dieses ungew\u00f6hnliche, f\u00fcr manche Zeitgenossen fremde Urvertrauen (ist), so etwas wie die Chance einer finalen Durchsetzung der menschlichen Vernunft zu erkennen\u201c. Darin liegt sicher eine der gr\u00f6\u00dften und langandauernden Fehleinsch\u00e4tzungen Goerdelers begr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Theiner sieht daher in Goerdeler keinen \u201eentschiedenen Widerstandsk\u00e4mpfer der <em>ersten<\/em> Stunde\u201c. Goerdeler hat danach \u201eden sich ank\u00fcndigenden Zivilisationsbruch zun\u00e4chst nicht erkannt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Goerdeler war wie sein Vater Mitglied der DNVP, verlie\u00df die Partei aber wegen ihres nazifreundlichen Kurses unter Parteichef Hugenberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Goerdeler nicht in das Prokrustes-Schema eines traditionellen Nationalkonservativen passt, wird auch an seiner sozialpolitischen Orientierung deutlich. Bereits den F\u00fchrungsschichten des Kaiserreiches warf er Versagen vor, da \u201esie die berechtigten Anspr\u00fcche der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten auf sozialen Ausgleich und politische Teilhabe abgewiesen und sich stattdessen auf die Bek\u00e4mpfung der organisierten Arbeiterbewegung verlegt h\u00e4tten\u201c. Goerdeler teilte nicht die \u201eAngst vor dem roten Lappen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf ist mit zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass sich sowohl sozialdemokratische Gewerkschafter und Politiker wie Wilhelm Leuschner oder sozialpolitisch engagierte christliche Demokraten wie Jakob Kaiser Goerdeler ann\u00e4herten.<\/p>\n\n\n\n<p>Theiner verschweigt nichts. So erw\u00e4hnt er, dass der 19-j\u00e4hrige Student Goerdeler als Berichterstatter seiner Studentenverbindung mit dem Auftrag, den Kontakt der Verbindung zu j\u00fcdischen Studenten zu unterbinden \u201ezentrale Ersatzst\u00fccke, Elemente des akademischen Antisemitismus, zu einer Art Kampfansage an j\u00fcdische Kommilitonen\u201c zusammenf\u00fcgte. Dennoch nimmt Theiner Goerdeler, der sich lange Zeit gegen\u00fcber dem Vorwurf eines hartn\u00e4ckigen Antisemitismus ausgesetzt sah, ausdr\u00fccklich in Schutz.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein aktives Eintreten f\u00fcr j\u00fcdische Gesch\u00e4fte oder K\u00fcnstler in Leipzig zeige, so Theiner, ,,dass es \u201esich dabei nicht um eine gleichsam dogmengeschichtlich als lebenslang eingefrorene Essenz seiner Identit\u00e4t\u201c handelt. Hierzu passt, dass Goerdeler 1937, nachdem auf Druck der \u00f6rtlichen NSDAP das Denkmal von Mendelssohn Bartholdy in Leipzig gegen seinen ausdr\u00fccklichen Willen abgerissen wurde, von seinem Amt als Oberb\u00fcrgermeister zur\u00fccktrat. Der Weg in den Widerstand war endg\u00fcltig eingeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Goerdeler brachte die Gr\u00fcndung eines j\u00fcdischen Staates in die Diskussion und lie\u00df keine Gelegenheit aus, besonders auch gegen\u00fcber ausl\u00e4ndischen Gespr\u00e4chspartnern und Regierungen<\/p>\n\n\n\n<p>die Nazi-Verbrechen in Polen und gegen\u00fcber den Juden anzuprangern und ins Bewusstsein zu bringen. Er ist f\u00fcr seinen Biografen daher \u201eein fr\u00fcher Beleg f\u00fcr die Br\u00fcchigkeit einer These von einem allgemeinen B\u00fcndnis konservativer Eliten mit der braunen Bewegung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Goerdeler wird als optimistischer Charakter gezeichnet, dem \u201e\u201eDienstgedanken\u201c von \u201eLeistungseliten\u201c verschrieben. Er galt als ein rationaler, verantwortungsethisch orientierter Politiker, \u201enicht empf\u00e4nglich f\u00fcr die charismatische Ausstrahlung eines politischen F\u00fchrers\u201c. Und schon gar \u201ekeine Spur von Optimismus, nationalem Taumel oder einer illusion\u00e4ren Hoffnung auf eine gro\u00dfe Zukunft mit einem dann milderen Regime mit einem ges\u00e4ttigten \u201eF\u00fchrer\u201c trifft man bei ihm an, wenn von Hitlers \u201eSiegen\u201c die Rede war\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchen, auch ausl\u00e4ndischen Gespr\u00e4chspartnern erschien er jedoch als sanguinisch bis draufg\u00e4ngerisch und unvorsichtig. Unzweifelhaft war Goerdeler eine gelungene Kombination zwischen breit angelegten Interessen sowie intellektueller Tiefe und Sch\u00e4rfe. Davon zeugen seine zahlreichen Denkschriften nicht nur zu seinen Spezialthemen der Selbstverwaltung und Wirtschaft. Die k\u00fcnftige Rechts- oder die europ\u00e4ische Nachkriegsordnung besch\u00e4ftigten ihn ebenso wie die internationale Staatenkooperation.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kamen eine charismatische \u201eunvergr\u00fcbelte Beredsamkeit und Begeisterungsf\u00e4higkeit\u201c, mit ausschlaggebend daf\u00fcr, dass er im zivilen wie milit\u00e4rischen Umfeld des Widerstandes als \u201eHerz\u201c oder \u201eMotor\u201c galt, der, so der Mitverschw\u00f6rer Fabian von Schlabrendorff, \u201edie Widerstandsbewegung durch alle T\u00e4ler und alle Tiefen hindurchtrieb\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seinem R\u00fccktritt kam er in Kontakt mit dem Unternehmer Robert Bosch. Mit ihm und war er sich schnell einig, dass \u201enicht alleine in zivilen, sondern auch in milit\u00e4rischen Kreisen f\u00fcr die Gedanken eines Staatsstreiches geworben werden m\u00fcsse\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Bosch wie Goerdeler handelten gegen ihre eigenen materiellen Interessen, \u201eihr gemeinsame Nenner waren Normen und Tugenden aufgekl\u00e4rter B\u00fcrgerlichkeit, wie sie sich bei Goerdeler im Begriff&nbsp; \u201eAnstand\u201c verdichteten\u201e.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich wird, dass Goerdeler trotz seines anf\u00e4nglichen Bem\u00fchens, Grundlegendes \u201esystemimmanent\u201c zu ver\u00e4ndern oder zu verhindern, dann doch schneller und illusionsloser als viele andere sah, zu welchen Konsequenzen die zu erwartende Radikalisierung des Nazi-Regimes f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Widerstand gegen Hitler speiste sich von Beginn an aus sehr unterschiedlichen Richtungen und \u00dcberzeugungen, parteipolitischen, kirchlichen, zivilen und individuellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn Goerdeler aufgrund seiner vorherigen beruflichen und politischen Verbindungen in Deutschland selbst, aber auch im Kontext seiner anschlie\u00dfenden zahlreichen Auslandsreisen viele Kontakte kn\u00fcpfen konnte, weist Theiner daraufhin, dass \u201ewer die Dinge im Staat Hitlers nicht hinnehmen wollte und nach Auswegen suchte, sich allenfalls auf eine \u00e4u\u00dferst d\u00fcnne Personaldecke st\u00fctzen\u201c konnte. Auch hatten \u201eanders als Diplomaten und Offiziere\u2026Oppositionelle und Widerstandsk\u00e4mpfer aus der Zivilgesellschaft keine Institutionen mit eingespielten Kommunikationsapparaten im Hintergrund\u201c zu Verf\u00fcgung. Auch Widerstand aus der Wirtschaft war eher ein seltenes Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Goerdeler hatte sehr viel Energie und Hoffnungen in den so genannten September-Aufstand gesetzt. Ziel war, Hitlers Sudeten-Pl\u00e4ne mit ausl\u00e4ndischer Hilfe scheitern zu lassen und damit das Milit\u00e4r zum Eingreifen zu bewegen. Hitler aber blieb durch das M\u00fcnchner Abkommen wieder einmal siegreich und konnte sich, ohne einen Schuss abzugeben, das Sudentenland einverleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Goerdelers Urteil \u00fcber die Treffen Chamberlains mit Hitler und das M\u00fcnchner Abkommen war eindeutig: \u201eZugest\u00e4ndnisse allein stellen einen Diktator niemals zufrieden. Sie machen ihn nur noch hungriger\u201c. Die darin enthaltene Botschaft hat bis in unsere \u201eZeitenwende\u201c an Aussagekraft nichts verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Goerdeler war ein Zusammenwirken des zivilen und milit\u00e4rischen Widerstandes f\u00fcr einen durchschlagenden Erfolg unabdingbar. Damit lag er zweifellos richtig. Diese f\u00fcr sich allein schon schwierige Konstellation dann aber auch an ausl\u00e4ndische Zusicherungen binden zu wollen verkomplizierte die Strategie bis hin zur Unm\u00f6glichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tragik der notwendigen Verkn\u00fcpfung des zivilen und milit\u00e4rischen Widerstandes war jedoch hausgemacht und wesentlich mit in der \u201eresignativen Selbstverknechtung\u201c der milit\u00e4rischen F\u00fchrungseliten begr\u00fcndet. Versch\u00e4rft wurde dies durch \u201edie existenzielle Verlassenheit der zivilen Verschw\u00f6rer im Zeichen der permanenten \u201etotalit\u00e4ren Revolution\u201c\u201c der NS-Diktatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Analyse seiner rastlosen T\u00e4tigkeit als Netzwerker und Br\u00fcckenbauer in der Zivilopposition und der \u00dcberzeugungsarbeit in milit\u00e4rischen und ausl\u00e4ndischen Kreisen zeigt Goerdeler als gro\u00dfen Treiber wie Getriebenen angesichts der sich immer katastrophaler entwickelnden Situation.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr gut herausgearbeitet wird die sich permanent wandelnde und \u00e4u\u00dferst komplexe Situation, innerhalb derer sich die Widerstandsbereiten orientieren und koordinieren mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem waren die Widerstandsbewegungen auch unterschiedlicher Auffassung bis zerstritten, Theiner macht dies wesentlich an dem Gegensatz zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik fest. Aber nat\u00fcrlich gab es auch weitere Unterschiede weltanschaulicher Art oder die Zukunftsvorstellungen betreffend, wie sie Theiner zwischen Helmuth James Graf von Moltke vom Kreisauer Kreis und Goerdeler herausarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst bei Goerdeler war eine H\u00fcrde insofern gegeben, als er zwar den Umsturz wollte, \u201ejedoch nicht durch die umstandslose Liquidierung Hitlers\u201c, vielmehr m\u00fcssten \u201edie Deutschen selbst mit ihrem NS-Regime in einem \u00f6ffentlichen Gerichtsprozess abrechnen\u201c. Neben seinem Rechtsstaatsempfinden stand hier auch die Bef\u00fcrchtung Pate, ansonsten eine neue Dolchsto\u00dflegende zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die selbst gestellte Herkules-Aufgabe bestand darin, dass<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGoerdeler mit seinen Koalitionspl\u00e4nen versucht (hat), politische Exponenten der verfestigten antagonistischen Lager und<\/p>\n\n\n\n<p>sozialmoralischen Milieus der deutschen Gesellschaft \u2013 Sozialdemokraten, Liberale, Vertreter des politischen Katholizismus, Konservative \u2013, die nicht der totalit\u00e4ren Versuchung erlegen waren, in einen rechtsstaatlich gebundenen, demokratiekonformen Diskurs zu ziehen, um eine <em>systemische<\/em> Alternative zum Hitler-Staat auf den Weg zu bringen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Arbeit gesellschaftlichen Br\u00fcckenbaus, so vergeblich sie mit dem Ziel der Beseitigung des Nazi-Regimes war, so wichtig und fruchtbringend erwies sie sich jedoch nach Kriegsende.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor n\u00e4hert sich Goerdeler mit gro\u00dfer Sympathie und Respekt. Diese Biografie ist jedoch keine Hagiographie.<\/p>\n\n\n\n<p>Bestimmte Haltungen und Verhaltensweisen Goerdelers, sei es w\u00e4hrend seiner Studienzeit oder in den Jahren 1933 bis zu seinem R\u00fccktritt 1937 vom Amt des Leipziger Oberb\u00fcrgermeisters werden in Auseinandersetzung mit Goerdeler kritischer bis negativ beurteilenden Perzeptionen hinterfragt. Theiner kommt dabei zu abw\u00e4genden und \u00fcberzeugenden Urteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Buch geht weit \u00fcber eine blo\u00dfe Biographie hinaus. Wer sich als junger Mensch erstmals mit dem Widerstand befasst, wird in diesem Buch mehr \u00fcber die realen Rahmenbedingungen des Widerstands lernen als nur \u00fcber die Rolle Goerdelers.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohltuend empfinde ich die abw\u00e4gende Beurteilung der Rolle Goerdelers in den komplexen, sich permanent wandelnden und vor allem lebensgef\u00e4hrlichen Konstellationen und Gemengelagen des Versuchs, einen einheitlichen Widerstand zu organisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem hebt sich das Buch wohltuend ab von so manchen besserwisserischen Attit\u00fcden und Vorw\u00fcrfen Sp\u00e4tgeborener, die dazu noch meinen, sich in entmythologisierenden Anstrengungen ihre parteipolitischen oder pers\u00f6nlichen Aversionen vom Leib schreiben zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aus verschiedenen politischen Richtungen festzustellenden Pervertierung des Widerstandsbegriffs ist die Lekt\u00fcre dieser Biografie gerade auch jungen Menschen dringend zu empfehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrungen der Deutschen mit der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, fiel f\u00fcr die allermeisten sehr gemischt bis negativ aus. Dies, nicht unwesentlich mitverursacht durch die Nazis selbst, bildete mit den Hintergrund f\u00fcr deren Aufstieg. Die Brandstifter erkl\u00e4rten sich zu Feuerwehrleuten. Zu sp\u00e4t bemerkten viele, was Demokratie und Rechtsstaat f\u00fcr jeden einzelnen doch bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Leben und Wirken Goerdelers haben eine Botschaft an uns alle: Alles daf\u00fcr zu tun, dass demokratische Verh\u00e4ltnisse, so schwierig, so unbefriedigend sie im Prozess und im Ergebnis manchmal auch sein m\u00f6gen, erhalten bleiben. Daher ist es auch wichtig, der Missachtung, der Untergrabung unserer Demokratie durch Fundamentalisten und Extremisten, gleich welcher politischen Couleur, mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Punkt m\u00f6chte ich Theiner widersprechen, der zu Beginn meint, dass wenig daf\u00fcr sprach, \u201edass Carl Goerdeler einmal \u201eMotor\u201c des b\u00fcrgerlichen Widerstand des gegen Hitler und das NS Regime werden sollte\u201c. Liest man den beeindruckenden Werdegang Goerdelers, dann kann man eher der umgekehrten Auffassung sein, dass gerade M\u00e4nner wie er mit ihrem Wertesystem dazu berufen waren, b\u00fcrgerlichen Widerstand gegen das Terrorregime der Nazis zu leisten. Leider gab es zu wenige Goerdelers in diesen entscheidenden Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Politik und Vertrauen leben vom Vorbild. Goerdeler war, ist und bleibt ein Vorbild.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Theiner<\/p>\n\n\n\n<p>Carl Goerdeler. Ein deutscher B\u00fcrger gegen Hitler<\/p>\n\n\n\n<p>Beck Verlag 2024<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978 3 406 82146 2<\/p>\n\n\n\n<p>#carlgoerdeler<\/p>\n\n\n\n<p>#widerstandgegenhitler<\/p>\n\n\n\n<p>#deutscherwiderstand<\/p>\n\n\n\n<p>#bookstagram<\/p>\n\n\n\n<p>#tbr<\/p>\n\n\n\n<p>#petertheiner<\/p>\n\n\n\n<p>#beckverlag<\/p>\n\n\n\n<p>#drittesreich<\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"1965\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"1965\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Peter Theiner Carl Goerdeler ist sicherlich eines der prominentesten Gesichter des zivilen Widerstandes gegen Hitler. Sein Auftritt in dem entw\u00fcrdigenden Schauprozess vor dem Volksgerichtshof unter dem Nazi Schergen Freisler hat sich in das kollektive Ged\u00e4chtnis Deutschlands eingebrannt. Goerdeler wurde am 2. Februar 1945 in Berlin-Pl\u00f6tzensee hingerichtet. Sein Verm\u00e4chtnis bleibt als Mahnung und Verpflichtung. Oft wird kritisiert, dass die Erinnerung an den Widerstand zu sehr auf den 20. Juli 1944 fokussiert wird und andere Initiativen \u00fcberlagert. Dies trifft auch auf die Rolle Goerdelers zu. Soweit erkennbar, hat sich die \u00f6ffentliche Perzeption dieser Biographie bisher in Grenzen gehalten. Nur die SZ, die LVZ, der MDR und der DF haben sie rezensiert. Sofern mir da nicht Einiges entgangen sein sollte, ein besch\u00e4mender Befund. Carl Goerdeler auf den ihm geb\u00fchrenden Platz in der Geschichte des Widerstands gegen das Nazi-Regime gestellt zu haben, ist das bleibende Verdienst dieser Biographie. Carl Goerdeler, Jahrgang 1884, stammte aus einer traditionellen ostpreu\u00dfischen Beamtenfamilie, damit verbunden ein ihn lebenslang pr\u00e4gendes Werteger\u00fcst. Auch sein christlicher Glaube \u201ewar f\u00fcr ihn eine moralische Ressource, die ihm in gewissen Fragen den R\u00fccken st\u00e4rken w\u00fcrde\u201c. Goerdeler studierte Jura, sammelte Erfahrungen im Bankwesen und erwarb ein profundes Verst\u00e4ndnis wirtschaftlicher Zusammenh\u00e4nge. Sehr fr\u00fch entschied er sich f\u00fcr eine kommunalpolitische Laufbahn, in der er mehr pers\u00f6nliche Handlungsfreiheit und sich n\u00e4her an den Lebensrealit\u00e4ten der Menschen sah. Goerdeler blieb zeitlebens ein entschiedener Verfechter der kommunalen Selbstverwaltung. Goerdeler, seit 1930 in Leipzig t\u00e4tig, erwarb sich auch auf nationaler Ebene einen soliden Ruf als hervorragender Kommunalpolitiker und wurde selbst als Kandidat f\u00fcr das Amt des Reichskanzlers der Weimarer Republik gehandelt. Dies f\u00fchrte zu zahlreichen Kontakten in Politik und Wirtschaft, die ihm auch w\u00e4hrend seiner Widerstandszeit n\u00fctzlich waren. Diesem gefestigten Ruf hat er es zu verdanken, dass er bei der Machtergreifung der Nazis nicht, wie die gro\u00dfe Mehrheit aller anderen nicht NS-B\u00fcrgermeister, aus dem Amt entfernt wurde. Die Nazis, so die Einsch\u00e4tzung des Biografen, wollten sich zun\u00e4chst nicht mit einem derart anerkannten und beliebten Oberb\u00fcrgermeister anlegen, sich vielmehr seine Expertise zu Nutze machen. Dieser \u201eselektiven Indienstnahme\u201c seitens der Nazis entsprach der Versuch Goerdelers, weitere destruktive Entwicklungen zu verhindern, den \u201eNormen-Staat\u201c gegen den \u201eMa\u00dfnahmen-Staat\u201c der Nazistrategie zu sch\u00fctzen. Deutlich wurde aber auch, dass sich Goerdeler durch die Nazis inhaltlich oder institutionell nicht w\u00fcrde vereinnahmen lassen. Die Ambivalenz liegt nach Theiner darin begr\u00fcndet, dass \u201eimmer wieder..in seiner Biografie dieses ungew\u00f6hnliche, f\u00fcr manche Zeitgenossen fremde Urvertrauen (ist), so etwas wie die Chance einer finalen Durchsetzung der menschlichen Vernunft zu erkennen\u201c. Darin liegt sicher eine der gr\u00f6\u00dften und langandauernden Fehleinsch\u00e4tzungen Goerdelers begr\u00fcndet. Theiner sieht daher in Goerdeler keinen \u201eentschiedenen Widerstandsk\u00e4mpfer der ersten Stunde\u201c. Goerdeler hat danach \u201eden sich ank\u00fcndigenden Zivilisationsbruch zun\u00e4chst nicht erkannt\u201c. Goerdeler war wie sein Vater Mitglied der DNVP, verlie\u00df die Partei aber wegen ihres nazifreundlichen Kurses unter Parteichef Hugenberg. Dass Goerdeler nicht in das Prokrustes-Schema eines traditionellen Nationalkonservativen passt, wird auch an seiner sozialpolitischen Orientierung deutlich. Bereits den F\u00fchrungsschichten des Kaiserreiches warf er Versagen vor, da \u201esie die berechtigten Anspr\u00fcche der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten auf sozialen Ausgleich und politische Teilhabe abgewiesen und sich stattdessen auf die Bek\u00e4mpfung der organisierten Arbeiterbewegung verlegt h\u00e4tten\u201c. Goerdeler teilte nicht die \u201eAngst vor dem roten Lappen\u201c. Darauf ist mit zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass sich sowohl sozialdemokratische Gewerkschafter und Politiker wie Wilhelm Leuschner oder sozialpolitisch engagierte christliche Demokraten wie Jakob Kaiser Goerdeler ann\u00e4herten. Theiner verschweigt nichts. So erw\u00e4hnt er, dass der 19-j\u00e4hrige Student Goerdeler als Berichterstatter seiner Studentenverbindung mit dem Auftrag, den Kontakt der Verbindung zu j\u00fcdischen Studenten zu unterbinden \u201ezentrale Ersatzst\u00fccke, Elemente des akademischen Antisemitismus, zu einer Art Kampfansage an j\u00fcdische Kommilitonen\u201c zusammenf\u00fcgte. Dennoch nimmt Theiner Goerdeler, der sich lange Zeit gegen\u00fcber dem Vorwurf eines hartn\u00e4ckigen Antisemitismus ausgesetzt sah, ausdr\u00fccklich in Schutz. Sein aktives Eintreten f\u00fcr j\u00fcdische Gesch\u00e4fte oder K\u00fcnstler in Leipzig zeige, so Theiner, ,,dass es \u201esich dabei nicht um eine gleichsam dogmengeschichtlich als lebenslang eingefrorene Essenz seiner Identit\u00e4t\u201c handelt. Hierzu passt, dass Goerdeler 1937, nachdem auf Druck der \u00f6rtlichen NSDAP das Denkmal von Mendelssohn Bartholdy in Leipzig gegen seinen ausdr\u00fccklichen Willen abgerissen wurde, von seinem Amt als Oberb\u00fcrgermeister zur\u00fccktrat. Der Weg in den Widerstand war endg\u00fcltig eingeschlagen. Goerdeler brachte die Gr\u00fcndung eines j\u00fcdischen Staates in die Diskussion und lie\u00df keine Gelegenheit aus, besonders auch gegen\u00fcber ausl\u00e4ndischen Gespr\u00e4chspartnern und Regierungen die Nazi-Verbrechen in Polen und gegen\u00fcber den Juden anzuprangern und ins Bewusstsein zu bringen. Er ist f\u00fcr seinen Biografen daher \u201eein fr\u00fcher Beleg f\u00fcr die Br\u00fcchigkeit einer These von einem allgemeinen B\u00fcndnis konservativer Eliten mit der braunen Bewegung\u201c. Goerdeler wird als optimistischer Charakter gezeichnet, dem \u201e\u201eDienstgedanken\u201c von \u201eLeistungseliten\u201c verschrieben. Er galt als ein rationaler, verantwortungsethisch orientierter Politiker, \u201enicht empf\u00e4nglich f\u00fcr die charismatische Ausstrahlung eines politischen F\u00fchrers\u201c. Und schon gar \u201ekeine Spur von Optimismus, nationalem Taumel oder einer illusion\u00e4ren Hoffnung auf eine gro\u00dfe Zukunft mit einem dann milderen Regime mit einem ges\u00e4ttigten \u201eF\u00fchrer\u201c trifft man bei ihm an, wenn von Hitlers \u201eSiegen\u201c die Rede war\u201c. Manchen, auch ausl\u00e4ndischen Gespr\u00e4chspartnern erschien er jedoch als sanguinisch bis draufg\u00e4ngerisch und unvorsichtig. Unzweifelhaft war Goerdeler eine gelungene Kombination zwischen breit angelegten Interessen sowie intellektueller Tiefe und Sch\u00e4rfe. Davon zeugen seine zahlreichen Denkschriften nicht nur zu seinen Spezialthemen der Selbstverwaltung und Wirtschaft. Die k\u00fcnftige Rechts- oder die europ\u00e4ische Nachkriegsordnung besch\u00e4ftigten ihn ebenso wie die internationale Staatenkooperation. Hinzu kamen eine charismatische \u201eunvergr\u00fcbelte Beredsamkeit und Begeisterungsf\u00e4higkeit\u201c, mit ausschlaggebend daf\u00fcr, dass er im zivilen wie milit\u00e4rischen Umfeld des Widerstandes als \u201eHerz\u201c oder \u201eMotor\u201c galt, der, so der Mitverschw\u00f6rer Fabian von Schlabrendorff, \u201edie Widerstandsbewegung durch alle T\u00e4ler und alle Tiefen hindurchtrieb\u201c. Nach seinem R\u00fccktritt kam er in Kontakt mit dem Unternehmer Robert Bosch. Mit ihm und war er sich schnell einig, dass \u201enicht alleine in zivilen, sondern auch in milit\u00e4rischen Kreisen f\u00fcr die Gedanken eines Staatsstreiches geworben werden m\u00fcsse\u201c. Bosch wie Goerdeler handelten gegen ihre eigenen materiellen Interessen, \u201eihr gemeinsame Nenner waren Normen und Tugenden aufgekl\u00e4rter B\u00fcrgerlichkeit, wie sie sich bei Goerdeler im Begriff&nbsp; \u201eAnstand\u201c verdichteten\u201e. Deutlich wird, dass Goerdeler trotz seines anf\u00e4nglichen Bem\u00fchens, Grundlegendes \u201esystemimmanent\u201c zu ver\u00e4ndern oder zu verhindern, dann doch schneller und illusionsloser als viele andere sah, zu welchen Konsequenzen die zu erwartende Radikalisierung des Nazi-Regimes f\u00fchren w\u00fcrde. 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