{"id":1956,"date":"2025-01-16T03:28:41","date_gmt":"2025-01-16T03:28:41","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=1956"},"modified":"2025-01-16T03:28:43","modified_gmt":"2025-01-16T03:28:43","slug":"siegfried-lenz-dringende-durchsage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/l\/siegfried-lenz-dringende-durchsage\/","title":{"rendered":"Siegfried Lenz: Dringende Durchsage"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/IMG_2060-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1953\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/IMG_2060-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/IMG_2060-225x300.jpeg 225w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/IMG_2060-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/IMG_2060-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/IMG_2060-9x12.jpeg 9w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/IMG_2060-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u201eleer gedachter Mann\u201c analysiert die Traumvisionen seiner au\u00dferhalb ihrer \u201esenkrechten Allt\u00e4glichkeit\u201c befindlichen Frau \u2013 und scheitert grandios. Siegfried Lenz in seinen Anf\u00e4ngen entdecken \u2013 es lohnt sich!<\/p>\n\n\n\n<p>Siegfried Lenz z\u00e4hlt zu meinen bevorzugten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur.<\/p>\n\n\n\n<p>Zehn Jahre nach seinem Tod sind nun insgesamt 23 bisher ungedruckte Erz\u00e4hlungen aufgetaucht und zusammen mit elf weiteren, die zwar in Zeitungen erschienen, nicht jedoch in seinem Gesamtwerk enthalten sind, in diesem neuen Lenz-Band ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Entstanden sind diese zwischen einer und f\u00fcnfzehn Seiten umfassenden Erz\u00e4hlungen \u00fcberwiegend in den Jahren 1948-1957.Die nicht immer exakt zu datierenden Erz\u00e4hlungen sind auch deshalb nicht chronologisch geordnet, sondern in sechs thematischen Kapiteln zusammengefasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der besten Erz\u00e4hlungen ist f\u00fcr mich \u201eBei Godickes und Gieses, Adamikstrasse 15\u201c, die thematisch den unmittelbaren Nachkriegserz\u00e4hlungen zugeordnet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewohner eines bis auf die Hausw\u00e4nde zerbombten Hauses finden im Keller Unterschlupf, sch\u00f6pfen aber selbst daraus Kraft: \u201eWar nicht einst alles aus den Katakomben ans Licht gebrochen, gest\u00e4rkt und vorbereitet in sinnender Dunkelheit? Hat nicht der wunderbarste Aufruhr seinen Anfang in H\u00f6hlen genommen? Das Gro\u00dfe reift in der D\u00e4mmerung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Lenz gelingt in der Folge eine faszinierende Beschreibung der auf den \u201eNullpunkt gefallenen Geschichte\u201c, in ihrer zun\u00e4chst ausweglos erscheinenden Sinnlosigkeit und Leere, aber auch &nbsp;mit der Chance des \u201emakellosen Augenblicks eines neuen Beginns\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas waren die Tage und N\u00e4chte d\u00e4mmernder Geschichtslosigkeit, die Zeit stumpfen Neo \u2013 Fellachentums \u2013 das Bewusstsein war enteignet, die Erinnerung, die Gegenwart. Das Alte war vergessen; das Neue, das hereinbrechen sollte, unbekannt. Es war die sinnbildhafte Situation der Krise: der Mensch lebt ohne Entscheidungen, weil ihm die M\u00f6glichkeiten zu Entscheidungen fehlen. Zwischen jedem Schock und j\u00e4hem Vergessen bleibt nur die Wahrnehmung einer einzigartigen Leere\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Lenz schildert danach in sehr wenigen S\u00e4tzen wie \u201eder neue Bogen mit der Weisheit der Narben gespannt\u201c wurde und sich das entwickelnde Wirtschaftswunder niederschlug, nicht zuletzt in einer \u201e1952 registrierten durchschnittlichen Gewichtszunahme des westdeutschen B\u00fcrgers um acht Pfund\u201c und zunehmenden Auslandsreisen. Er erweist sich aber nicht nur als ironischer, sondern auch als \u00e4u\u00dferst kritischer Beobachter, wenn er etwa den \u201ecultural lag\u201c anprangert: \u201cWir f\u00fchren eine ausgewachsene Gespaltenheit spazieren: eine Seite von uns, die Seite des Zivilisationsgen\u00fcsslers, ist weit vorn, die geistige, sie lahmt, sie ist hoffnungslos zur\u00fcckgeblieben\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage nach Schuld und Verantwortung beziehungsweise die nach Kriegsende sehr schnell aufkommende Versuchung, sich von beiden reinzuwaschen und ihnen zu entgehen findet sich thematisch in einigen dieser Erz\u00e4hlungen wieder. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kommt kaum voran, alte Netzwerke bestehen weiter und versuchen Einfluss zu nehmen. Dies ist Thema auch der titelgebenden Erz\u00e4hlung \u201eDringende Durchsage\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und schlie\u00dflich die Macht der Gew\u00f6hnung: Zerbricht Godicke unmittelbar nach Kriegsende erbittert das Holzschwert, mit dem sein kleiner Sohn auf den Tr\u00fcmmern des Hauses spielt, so darf dieser wenige Jahre sp\u00e4ter mit einem von den Nachbarn geschenkten Spielzeugpanzer im Wohnzimmer um sich schie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Gew\u00f6hnung an den neuen Wohlstand thematisiert Lenz, vor allem in \u201eDas Wochenende des Herrn Schmelz -Bundesrepublikanisches Alltagsleben\u201c, der Schilderung der<\/p>\n\n\n\n<p>Situation eines arbeitssamen, erfolgreichen Fabrikanten, dessen Familie im Gegensatz zu ihm das Leben in vollen Z\u00fcgen zu genie\u00dfen wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer ganzen Reihe von Geschichten blitzt der hintersinnige Humor von Siegfried Lenz auf, der mir schon immer gefallen hat. Herrlich \u201eWovon man in Chlopitzken tr\u00e4umt\u2026\u201c, auf die Idee muss man erst mal kommen\u2026mehr wird nicht verraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine z\u00e4rtliche, selbstironische Liebeserkl\u00e4rung an seine Frau sind die \u201eSignale aus dem Traum\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u201eleer gedachter Mann\u201c findet seine Frau nicht mehr in ihrer \u201esenkrechten Allt\u00e4glichkeit\u201c, sondern schlafend, als \u201eFohlen am losen Halfter des Traumes\u201c. Als \u201eerfahrener Ehe-Rekrut\u201c meint er, die Zeichen ihres Traumes lesen zu k\u00f6nnen, die ihn dann im Laufe der Nacht dazu bringen, seine Nachl\u00e4ssigkeiten des Tages rechtzeitig vor ihrem Erwachen auszub\u00fcgeln. Nur um am n\u00e4chsten Morgen festzustellen, dass er alles andere als ein Experte in der Interpretation von Traumsignalen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem eigenen Kapitel widmet sich Lenz Tieren, behandelt sie wie gleichwertige Gesch\u00f6pfe, siezt sie und l\u00e4sst auch hier seinen Humor sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hlungen sehr unterschiedlichen Umfangs und Inhalts wechseln einander ab. Man kann nachverfolgen, wie Lenz verschiedene Schreibstile ausprobiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf knapp eineinhalb Seiten (\u201eDer einfache Weg\u201c) bringt Lenz die Erfahrung eines nach jahrzehntelanger Haft Entlassenen auf den Punkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Kapitel \u201eF\u00fcr andere hoffen \u2013 Geschenkte Erz\u00e4hlungen\u201c enth\u00e4lt gewidmete Erz\u00e4hlungen. So eine zum 70. Geburtstag des vormaligen Bundeskanzlers, Helmut Schmidt, ein enger Freund von Lenz. In diesem Beitrag thematisiert Lenz das Verh\u00e4ltnis zwischen Radikalit\u00e4t und Radikalismus, aber nicht, wie von den Herausgebern der Geburtstagsschrift gew\u00fcnscht mit Blick auf den RAF-Terrorismus, sondern die Umweltproblematik. Auch insofern immer f\u00fcr \u00dcberraschungen gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Lenz hatte seinen eigenen Tonfall entwickelt in seiner Beobachtung und Beschreibung von Menschen, Situationen und Entwicklungen, der f\u00fcr mich sein Werk so besonders, ja geradezu sympathisch macht. Er war meinungsstark, bevorzugte aber dennoch die leisen, stillen (Zwischen)t\u00f6ne in seinem Leben und in seinem Schreiben, gepr\u00e4gt durch eine genaue Beobachtungsgabe und viel Sympathie f\u00fcr die Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Scharkantige, Polarisierende und Poltern \u00fcberlie\u00df er anderen, von denen so mancher &nbsp;damit wohl auch gegen das eigene Ged\u00e4chtnis anschrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>In Lenz\u00b4 Romanen standen selten die gro\u00dfen, fehlerfreien, von keinem Selbstzweifel angehauchten Helden im Mittelpunkt, sondern vielfach die kleinen, auch die scheiternden Helden in den M\u00fchen des Alltags.<\/p>\n\n\n\n<p>In einigen dieser Erz\u00e4hlungen sch\u00e4lt sich so langsam dieser k\u00fcnftige Blickwinkel heraus. Ein besonders gutes Beispiel hierf\u00fcr ist dabei auch \u201eDie Abschiedsrede\u201c in der entgegen aller landl\u00e4ufigen Erwartung weder gesch\u00f6nt noch gelogen, sondern selbstdemaskierend die Wahrheit gesagt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es sind immer wieder kleine Formulierungen, wie die \u201cnachzitternde Erbitterung\u201c des von Reich-Ranicki kritisierten Schriftstellers, die begeistern.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kurzen Nachwort werden die Zusammenstellung und Herkunft einiger Erz\u00e4hlungen erl\u00e4utert. Maren Ermisch zitiert dabei auch das Bonmot von Marcel Reich-Ranicki, seit seiner \u00dcbersiedlung von Polen nach Deutschland sehr eng mit Lenz befreundet, der \u00fcber Lenz gesagt hatte, \u201eLenz sei ein geborener Sprinter, der sich in den Kopf gesetzt habe, er m\u00fcsse sich auch als Langstreckenl\u00e4ufer bew\u00e4hren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lese normalerweise lieber Romane als Erz\u00e4hlungen oder Kurzgeschichten. Bei Siegfried Lenz, den ich gerade als \u201eLangstreckenl\u00e4ufer\u201c sch\u00e4tze, habe ich aber, ohne zu z\u00f6gern, davon &#8211; mal wieder &#8211; eine Ausnahme gemacht und es nicht bereut. Reich-Ranicki hatte mal wieder Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn mich nicht alle Geschichten \u00fcberzeugen konnten war es ein Genuss, Unbekanntes von Siegfried Lenz lesen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer, sollte das \u00fcberhaupt m\u00f6glich sein, Lenz noch nicht kennt, hat mit \u201eDringende Durchsage\u201c einen idealen Einstieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Siegfried Lenz: Dringende Durchsage<\/p>\n\n\n\n<p>Verlag Hoffmann und Kampe, Hamburg 2024<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: &nbsp;978 \u2013 3\u2013 455 \u2013 01823&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"1956\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"1956\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein \u201eleer gedachter Mann\u201c analysiert die Traumvisionen seiner au\u00dferhalb ihrer \u201esenkrechten Allt\u00e4glichkeit\u201c befindlichen Frau \u2013 und scheitert grandios. Siegfried Lenz in seinen Anf\u00e4ngen entdecken \u2013 es lohnt sich! Siegfried Lenz z\u00e4hlt zu meinen bevorzugten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur. Zehn Jahre nach seinem Tod sind nun insgesamt 23 bisher ungedruckte Erz\u00e4hlungen aufgetaucht und zusammen mit elf weiteren, die zwar in Zeitungen erschienen, nicht jedoch in seinem Gesamtwerk enthalten sind, in diesem neuen Lenz-Band ver\u00f6ffentlicht. Entstanden sind diese zwischen einer und f\u00fcnfzehn Seiten umfassenden Erz\u00e4hlungen \u00fcberwiegend in den Jahren 1948-1957.Die nicht immer exakt zu datierenden Erz\u00e4hlungen sind auch deshalb nicht chronologisch geordnet, sondern in sechs thematischen Kapiteln zusammengefasst. Eine der besten Erz\u00e4hlungen ist f\u00fcr mich \u201eBei Godickes und Gieses, Adamikstrasse 15\u201c, die thematisch den unmittelbaren Nachkriegserz\u00e4hlungen zugeordnet ist. Die Bewohner eines bis auf die Hausw\u00e4nde zerbombten Hauses finden im Keller Unterschlupf, sch\u00f6pfen aber selbst daraus Kraft: \u201eWar nicht einst alles aus den Katakomben ans Licht gebrochen, gest\u00e4rkt und vorbereitet in sinnender Dunkelheit? Hat nicht der wunderbarste Aufruhr seinen Anfang in H\u00f6hlen genommen? Das Gro\u00dfe reift in der D\u00e4mmerung\u201c. Lenz gelingt in der Folge eine faszinierende Beschreibung der auf den \u201eNullpunkt gefallenen Geschichte\u201c, in ihrer zun\u00e4chst ausweglos erscheinenden Sinnlosigkeit und Leere, aber auch &nbsp;mit der Chance des \u201emakellosen Augenblicks eines neuen Beginns\u201c. \u201eDas waren die Tage und N\u00e4chte d\u00e4mmernder Geschichtslosigkeit, die Zeit stumpfen Neo \u2013 Fellachentums \u2013 das Bewusstsein war enteignet, die Erinnerung, die Gegenwart. Das Alte war vergessen; das Neue, das hereinbrechen sollte, unbekannt. 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Die Frage nach Schuld und Verantwortung beziehungsweise die nach Kriegsende sehr schnell aufkommende Versuchung, sich von beiden reinzuwaschen und ihnen zu entgehen findet sich thematisch in einigen dieser Erz\u00e4hlungen wieder. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kommt kaum voran, alte Netzwerke bestehen weiter und versuchen Einfluss zu nehmen. Dies ist Thema auch der titelgebenden Erz\u00e4hlung \u201eDringende Durchsage\u201c. Und schlie\u00dflich die Macht der Gew\u00f6hnung: Zerbricht Godicke unmittelbar nach Kriegsende erbittert das Holzschwert, mit dem sein kleiner Sohn auf den Tr\u00fcmmern des Hauses spielt, so darf dieser wenige Jahre sp\u00e4ter mit einem von den Nachbarn geschenkten Spielzeugpanzer im Wohnzimmer um sich schie\u00dfen. 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Geburtstag des vormaligen Bundeskanzlers, Helmut Schmidt, ein enger Freund von Lenz. In diesem Beitrag thematisiert Lenz das Verh\u00e4ltnis zwischen Radikalit\u00e4t und Radikalismus, aber nicht, wie von den Herausgebern der Geburtstagsschrift gew\u00fcnscht mit Blick auf den RAF-Terrorismus, sondern die Umweltproblematik. Auch insofern immer f\u00fcr \u00dcberraschungen gut. Lenz hatte seinen eigenen Tonfall entwickelt in seiner Beobachtung und Beschreibung von Menschen, Situationen und Entwicklungen, der f\u00fcr mich sein Werk so besonders, ja geradezu sympathisch macht. Er war meinungsstark, bevorzugte aber dennoch die leisen, stillen (Zwischen)t\u00f6ne in seinem Leben und in seinem Schreiben, gepr\u00e4gt durch eine genaue Beobachtungsgabe und viel Sympathie f\u00fcr die Menschen. Das Scharkantige, Polarisierende und Poltern \u00fcberlie\u00df er anderen, von denen so mancher &nbsp;damit wohl auch gegen das eigene Ged\u00e4chtnis anschrieb. In Lenz\u00b4 Romanen standen selten die gro\u00dfen, fehlerfreien, von keinem Selbstzweifel angehauchten Helden im Mittelpunkt, sondern vielfach die kleinen, auch die scheiternden Helden in den M\u00fchen des Alltags. In einigen dieser Erz\u00e4hlungen sch\u00e4lt sich so langsam dieser k\u00fcnftige Blickwinkel heraus. Ein besonders gutes Beispiel hierf\u00fcr ist dabei auch \u201eDie Abschiedsrede\u201c in der entgegen aller landl\u00e4ufigen Erwartung weder gesch\u00f6nt noch gelogen, sondern selbstdemaskierend die Wahrheit gesagt wird. Und es sind immer wieder kleine Formulierungen, wie die \u201cnachzitternde Erbitterung\u201c des von Reich-Ranicki kritisierten Schriftstellers, die begeistern. In einem kurzen Nachwort werden die Zusammenstellung und Herkunft einiger Erz\u00e4hlungen erl\u00e4utert. 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