{"id":1638,"date":"2024-12-08T17:49:49","date_gmt":"2024-12-08T17:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/?p=1638"},"modified":"2024-12-09T03:49:47","modified_gmt":"2024-12-09T03:49:47","slug":"cafe-groessenwahn-1890-19115-als-in-den-kaffeehaeusern-die-welt-neu-erfunden-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher-books-libros.com\/es\/l\/cafe-groessenwahn-1890-19115-als-in-den-kaffeehaeusern-die-welt-neu-erfunden-wurde\/","title":{"rendered":"Caf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn.1890-1915. Als in den Kaffeeh\u00e4usern die Welt neu erfunden wurde."},"content":{"rendered":"<p class=\"has-medium-font-size\">von Dirk Liesemer<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"480\" height=\"640\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/IMG_0005-1-rotated.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1608\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/IMG_0005-1-rotated.jpg 480w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/IMG_0005-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/IMG_0005-1-9x12.jpg 9w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Selbst wenn es der Titel, der auch schon f\u00fcr Krimis und einen Song von Udo J\u00fcrgens verwendet wurde, nahelegt: Es geht nicht um ein bestimmtes Caf\u00e9, auch nicht um das gleichnamige im Frankfurter Westend.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielmehr wurden in den Jahren der Wende zum 20. Jahrhundert verschiedene Caf\u00e9s in Wien, M\u00fcnchen und Berlin mit der \u00fcbergreifenden Bezeichnung \u201eCaf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn\u201c belegt. Der Begriff passte \u201eperfekt in eine Zeit so vieler neuer Ideen, Fantasien und Sichtweisen, auch ein ordentlicher Schuss juveniler \u00dcbermut klingt an. Der Name macht in den Kreisen der Boheme jedenfalls rasch Karriere und wird bald nach M\u00fcnchen und Berlin exportiert. So einpr\u00e4gsam ist er, dass er einmal als die Metapher f\u00fcr die vielen geistigen und k\u00fcnstlicherischen Aufbr\u00fcche rund um die Wende zum 20. Jahrhundert gelten wird .\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Erich M\u00fchsam ist der Bohemien: \u201e\u2026in erster Linie ein Skeptiker, ein Mensch, der die Welt so fatalistisch, wie nur denkbar ansieht, einer, der vom Leben nichts erhofft und der deshalb darauf los lebt, mit der erhabenen Wurschtigkeit, die ihn dem bourgeoisen Gesch\u00e4ftstrotter gegen\u00fcber als Ausnahmewesen, als komischen Kauz erscheinen l\u00e4sst. Aus diesem darauf Losleben mag dann wohl bei diesem oder jenem der Goldige Optimismus entstehen, der\u2026erst recht die F\u00fchlung mit der Umwelt aufhebt und in tausend sternbunten Illusionen entschwebt\u201c. Etwas prosaischer definierte es ein anderer Caf\u00e9-G\u00e4nger: \u201eUnser Hintern f\u00e4hrt dritte Klasse, unser Haupt ragt \u00fcber die Wolken\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr diese Zeitgenossen wurden das Kleine Caf\u00e9 oder das Caf\u00e9 des Westens in Berlin, das Caf\u00e9 Stefanie in M\u00fcnchen und das Caf\u00e9 Griensteidl in Wien zum Laufsteg, auf dem uns in diesen Wendejahren Dutzende von sehr unterschiedlichen Namen und Charakteren begegnen: Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Arnold Sch\u00f6nberg, Frank Wedekind, Max Halbe, Karl Kraus, Erich M\u00fchsam, Franziska zu Reventlow, Peter Altenberg, Elke-Lasker Sch\u00fcler, Eduard Graf von Keyserling, Johannes R. Becher, Hans B\u00f6tticher (der sp\u00e4tere Joachim Ringelnatz) oder Max Reinhardt, um nur einige zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lebensentw\u00fcrfe der Kaffeehausdauerg\u00e4ste bewegen sich zwischen Kunst und Lebensk\u00fcnstler, zwischen ernsthaft Arbeitenden und ausgebufften Schnorrern, deren literarische Existenz \u00fcber Gedanken auf Notizzetteln nicht hinausgelangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige verschwanden ebenso schnell wieder von der Bildfl\u00e4che wie sie an den Kaffeetischen aufgetaucht waren. Andere blieben \u00fcber die Jahre pr\u00e4sent, konnten aber keine dauerhafte Wirkung f\u00fcr die Nachwelt entfalten. Die einen bleiben lokale Gr\u00f6\u00dfen, die au\u00dferhalb ihrer Stadt niemand kennt, die anderen bewegen sich zwischen den drei St\u00e4dten hin und her, die Boheme war flexibel und mobil, die permanenten Geldsorgen dabei kein Hindernis, schaffen aber dennoch nicht den Durchbruch und geraten schnell in Vergessenheit. Einige entwickeln sich zu Stars, die irgendwann die Szene verlassen und gut situiert im Au\u00dfenbereich der St\u00e4dte leben, andere schnorren sich bis zum bitteren Lebensende durch die Tage und vor allem N\u00e4chte. Wiederum andere wurden zu bis heute leuchtende Sterne oder blieben zumindest ein Begriff, was nach \u00fcber 100 Jahren ja schon eine betr\u00e4chtliche Leistung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich traf auf Namen, die mir v\u00f6llig unbekannt waren, Peter Altenberg beispielsweise, sicherlich eine der schillerndsten Figuren dieser Caf\u00e9-Zeit, der im Caf\u00e9 Central in Wien zu Nachruhm gelangt ist: Er sitzt als lebensgro\u00dfes Denkmal am Eingang und begr\u00fc\u00dft die G\u00e4ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ans\u00e4tze und Motivationen sind sehr unterschiedlich. Hofmannsthal versteht sich eher als Sp\u00e4tgeborener, Schnitzler will die B\u00fcrger erschrecken, M\u00fchsam wendet sich gegen den \u201eKonventionsdrill der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft\u201c, Kraus macht mit seiner bei\u00dfenden, aber meist den Kern treffenden Kritik vor nichts und Niemandem Halt und sich viele Feinde, w\u00e4hrend Laske-Sch\u00fcler und Reventlow ihre Kunst eher mit dem Konzept der \u201efreien Liebe\u201c verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso vielf\u00e4ltig waren die Themen und Aktionsfelder. Theater und Literatur, Malerei und Musik. Die Berliner und M\u00fcnchner sind politischer als die Wiener. Gesellschaftskritik und ihr Kampf gegen die Zensur hatten auch ihren Platz, wobei die Grenze zur Majest\u00e4tsbeleidigung sehr eng gezogen war und vor allem im Deutschen Reich schnell in einer Gef\u00e4ngnisstrafe enden konnte.<br>Zeitungen werden gegr\u00fcndet und gehen wieder ein. Wir erleben die Gr\u00fcndung der \u201eFackel\u201c durch Karl Kraus, verfolgen die Entstehung und Ausbreitung des politischen Kabaretts.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts Menschliches ist diesen Kreisen fremd. Es gibt viele Beispiele f\u00fcr engere Beziehungen, Streit, Neid, Loyalit\u00e4t und Solidarit\u00e4t. Und trotz vieler miteinander verbrachter, vertrunkener N\u00e4chte bleibt teilweise ein gemischtes Fazit, denn es \u201centstehen keine tiefen Freundschaften. Selbst im Schwabing der Jahrhundertwende bleibt ein jeder K\u00e4mpfer in eigener Sache. Der Mythos des Viertels flackert nur auf, wenn die M\u00e4nner sp\u00e4tnachts das Kaffeehaus verlassen und ihren Heimweg antreten\u201c. Einsamkeit schimmert durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kaffeehaus wird zur Institution und zum \u201eSammelplatz von M\u00fc\u00dfigg\u00e4ngern und Schw\u00e4tzern in vielen F\u00e4llen. Aber zu weilen ist es auch ein kleines Parlament, eine ungebundene Universit\u00e4t, eine improvisierte Akademie; und manchmal ganz einfach der Salon derjenigen, die keinen haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"480\" height=\"640\" src=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/IMG_0011-rotated.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1575\" srcset=\"https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/IMG_0011-rotated.jpg 480w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/IMG_0011-225x300.jpg 225w, https:\/\/buecher-books-libros.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/IMG_0011-9x12.jpg 9w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Das Caf\u00e9 Boheme in Antigua, Guatemala, der ideale Ort, um mit diesem Buch zu beginnen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine besondere Symbiose entwickelt sich zwischen Kaffeehaus und Zeitungen, beides war nicht zu trennen, das Kaffeehaus \u201e eine B\u00f6rse der Informationen, eine Welt der Worte, des Geistes und des Wissens. Zeitungen, Kaffeehaus sind nicht nur vielfach verschwibbt, wie es jemand auf den Punkt bringt, sondern das eine ist ohne das andere oft nur eine halbe Macht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wahr ist auch, dass diese vermeintliche Idylle ohne mehr oder weniger im Hintergrund verbleibende M\u00e4zene meist nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig gewesen w\u00e4re. Denn den ganzen Tag bei einer Tasse Kaffee mit 20 internationalen Zeitungen im Caf\u00e9 sitzen\u2026.das hatte was\u2026(man s\u00e4\u00dfe heute noch gerne mit am Tisch)\u2026war dann aber irgendwann auch vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel \u201eCaf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn\u201c passt nicht nur f\u00fcr die Caf\u00e9s, er passt auch f\u00fcr die Epoche. Der Gr\u00f6\u00dfenwahn war vor allem in der Politik ein zunehmendes Kennzeichen dieser Jahre, nicht zuletzt im Deutschen Reich unter Wilhelm II, das, so ein ber\u00fchmter Ausspruch, niemanden in den Schatten stellen, aber nun auch endlich seinen Platz an der Sonne wollte. Aber er spiegelt auch insgesamt das Gef\u00fchl einer Epoche wieder, in der \u201edas, was gerade noch als gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig galt, auf einmal machbar wird\u201c, sei es die Erreichung des Nordpols oder die Besteigung des Mount Everest.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Untertitel ist jedoch etwas hoch gegriffen, hier st\u00f6\u00dft das Buch an seine Grenzen. Zum Caf\u00e9 als \u201eUmschlagplatz der neuesten Gro\u00dfideen\u201c bleibt das Buch eher blass. Das Buch pr\u00e4sentiert einen Ausschnitt aus einem vielfacettigen Zeitpanorama und kann somit Vieles nicht einfangen. Die vielf\u00e4ltigen Episoden und Erz\u00e4hlungen vermitteln eher das Lebensgef\u00fchl und die Lebenswirklichkeit dieser Boheme als einen tiefergehenden Aufriss ihrer inhaltlichen Debatten und Ideen. Das Buch ist kein Geschichtsbuch, mehr ein Geschichtenbuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch waren die Zeitumst\u00e4nde immer weniger dazu angetan, die Welt neu zu erfinden. Vielmehr griff die (Au\u00dfen-)Welt immer dramatischer in diese Lebenswelten ein und ver\u00e4nderte sie f\u00fcr immer. Kurze, wenngleich manches Mal etwas vereinfachende Einsch\u00fcbe erm\u00f6glichen eine gewisse Einbettung in den sich dramatisch ver\u00e4ndernden zeitgeschichtlichen Kontext: Das Wettr\u00fcsten, koloniale Ambitionen, die Balkan-Politik des Habsburg-Reiches, die Nationalismen auf dem Balkan oder den aufziehenden Antisemitismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz-Biografien der wichtigsten Akteure runden dieses Buch ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der obigen Einschr\u00e4nkung: Das Buch ist atmosph\u00e4risch dicht und interessant, flott und am\u00fcsant geschrieben. Es lohnt die Lekt\u00fcre f\u00fcr jeden kulturell oder speziell an dieser Zeit Interessierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine nicht-literarische Anmerkung zum Schluss: Diese Art von Kaffeehauskultur ist zumindest in Deutschland schon lange weitgehend verschwunden, hier und da aber noch ansatzweise zu finden. F\u00fcr mich ist das Caf\u00e9 Hardenberg in Berlin so ein Ort. Ich vermisse diese Caf\u00e9s als Begegnungs-, aber auch als ruhigen, einladenden, ja gem\u00fctlichen R\u00fcckzugsort, gleichsam als wohltuenden Gegenentwurf zu der inzwischen dominierenden Art von \u201eCaf\u00e9s\u201c, die mit der Anziehungskraft eines k\u00fchl-unpers\u00f6nlichen und dauerbeschallten Bahnhofsbistros allenfalls ein Coffe-to-run-Gef\u00fchl erzeugen.<\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"1638\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">1    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger\" title=\"\" data-post-id=\"1638\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Dirk Liesemer Selbst wenn es der Titel, der auch schon f\u00fcr Krimis und einen Song von Udo J\u00fcrgens verwendet wurde, nahelegt: Es geht nicht um ein bestimmtes Caf\u00e9, auch nicht um das gleichnamige im Frankfurter Westend. Vielmehr wurden in den Jahren der Wende zum 20. Jahrhundert verschiedene Caf\u00e9s in Wien, M\u00fcnchen und Berlin mit der \u00fcbergreifenden Bezeichnung \u201eCaf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn\u201c belegt. Der Begriff passte \u201eperfekt in eine Zeit so vieler neuer Ideen, Fantasien und Sichtweisen, auch ein ordentlicher Schuss juveniler \u00dcbermut klingt an. Der Name macht in den Kreisen der Boheme jedenfalls rasch Karriere und wird bald nach M\u00fcnchen und Berlin exportiert. So einpr\u00e4gsam ist er, dass er einmal als die Metapher f\u00fcr die vielen geistigen und k\u00fcnstlicherischen Aufbr\u00fcche rund um die Wende zum 20. 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Einige verschwanden ebenso schnell wieder von der Bildfl\u00e4che wie sie an den Kaffeetischen aufgetaucht waren. Andere blieben \u00fcber die Jahre pr\u00e4sent, konnten aber keine dauerhafte Wirkung f\u00fcr die Nachwelt entfalten. Die einen bleiben lokale Gr\u00f6\u00dfen, die au\u00dferhalb ihrer Stadt niemand kennt, die anderen bewegen sich zwischen den drei St\u00e4dten hin und her, die Boheme war flexibel und mobil, die permanenten Geldsorgen dabei kein Hindernis, schaffen aber dennoch nicht den Durchbruch und geraten schnell in Vergessenheit. Einige entwickeln sich zu Stars, die irgendwann die Szene verlassen und gut situiert im Au\u00dfenbereich der St\u00e4dte leben, andere schnorren sich bis zum bitteren Lebensende durch die Tage und vor allem N\u00e4chte. Wiederum andere wurden zu bis heute leuchtende Sterne oder blieben zumindest ein Begriff, was nach \u00fcber 100 Jahren ja schon eine betr\u00e4chtliche Leistung ist. 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Gesellschaftskritik und ihr Kampf gegen die Zensur hatten auch ihren Platz, wobei die Grenze zur Majest\u00e4tsbeleidigung sehr eng gezogen war und vor allem im Deutschen Reich schnell in einer Gef\u00e4ngnisstrafe enden konnte.Zeitungen werden gegr\u00fcndet und gehen wieder ein. Wir erleben die Gr\u00fcndung der \u201eFackel\u201c durch Karl Kraus, verfolgen die Entstehung und Ausbreitung des politischen Kabaretts. Nichts Menschliches ist diesen Kreisen fremd. Es gibt viele Beispiele f\u00fcr engere Beziehungen, Streit, Neid, Loyalit\u00e4t und Solidarit\u00e4t. Und trotz vieler miteinander verbrachter, vertrunkener N\u00e4chte bleibt teilweise ein gemischtes Fazit, denn es \u201centstehen keine tiefen Freundschaften. Selbst im Schwabing der Jahrhundertwende bleibt ein jeder K\u00e4mpfer in eigener Sache. Der Mythos des Viertels flackert nur auf, wenn die M\u00e4nner sp\u00e4tnachts das Kaffeehaus verlassen und ihren Heimweg antreten\u201c. Einsamkeit schimmert durch. 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