Lászlo Krasznahorkai: Zsömle ist weg

In seinem jüngsten Roman, einer Mischung aus Schelmenroman und politischer Realsatire mit einer Art ungarischem Don Quijote als Hauptfigur führt uns der Literaturnobelpreisträger in seine Heimat der 2010er Jahre.

Man muss, wie immer bei Krasznahorkai, konzentriert lesen, denn abgeschlossene Sätze sind seine Sache nicht. Immerhin, im Gegensatz zu seinem Roman „Herscht 07769“, der auf 409 Seiten aus einem einzigen Satz besteht, gönnt Krasznahorkai nun jedem der 11 Kapitel einen Satz.

Hauptfigur ist der 91 jährige „Alte vom Berge“, Witwer, der, verkracht mit seiner Familie, alleine mit seinem Hund Zsömle seine letzten Tage verbringt und fest entschlossen ist, in keinerlei Sinne mehr „Holz aufs Feuer zu legen“, sondern alles seinem Ende zugehen zu lassen. Eigentlich eine einfache Angelegenheit, wäre da nicht sein Geheimnis, das ihm immer wieder Lebensmut und -kraft einträufelt. 

Er ist überzeugt, der Spross einer über Jahrhunderte geheimgehaltenen und versteckt lebenden Linie der ungarischen, von Dschingis Khan abstammenden Monarchie zu sein. Ja, mehr noch, in einer geheimen Zeremonie von Hitlers Statthalter Horthy 1944 gekrönt worden zu sein, um die Rückkehr der ihm verhassten, „dreckigen Habsburger“ auf den ungarischen Thron zu verhindern. Aber selbst seine Tochter glaubt ihm nicht.

So kämpft er altersbedingt mit großer Müdigkeit, versinkt häufig im „Alles-egal-Nebel“, in seinen kämpferischen Momenten schreibt er dann an die EU, den Papst, die ungarischen Behörden, und wenn es ihm nicht um den Thron geht, dann wenigstens um eine angemessene Rente als ehemaliger Kriegsheld, ein Ansinnen, vor dem auch der deutsche Bundespräsident nicht sicher ist, der sich unverständlicherweise jedoch nicht äußert.

Die Situation verändert sich dramatisch, als der Alte von einer bunt zusammengewürfelten Anhängerschar aufgespürt wird, die mit Organisationen wie „Tudenungarnnichtszuleide“, „Blut und Ehre“ oder der „Urungarischen Schamanenkirche“ das „Heilige Ungarische Vaterland, das noch nie so tief in den höllischen Schlund der Selbstvernichtung gesunken ist“, durch die Restaurierung der Monarchie retten will.

Auch wenn der Alte nicht mit „Majestät“, sondern mit „Onkel Józsi angesprochen werden will, beginnt er mit dieser neuen Lage zu kokettieren, denn er verachtet nicht nur die Habsburger zutiefst, auch von „diesem Orbán“ hält er nichts! Nun muss man kein Monarchist sein, um zumindest dem zuzustimmen!

Die Bemühungen der Gruppe nehmen zu, die Hoffnung steigt, aber es geht nicht voran. Einige seiner Helfer tragen ein enormes Waffenarsenal zusammen, um den gewaltsamen Umsturz zu wagen. Onkel Józsi lehnt das entrüstet ab und trennt sich von diesen „Mitstreitern“.  Da das Projekt aber trotz hoffnungweckender Ereignisse und Treffen mit Regierungsvertretern, es schimmert das regierungsseitige Interesse an einem gemeinsamen Vorgehen durch, weiter stagniert, zieht nun auch Onkel Joszi phasenweise die gewaltsame Option in Betracht.

Dann kommt, wie es kommen muss. Der Staat schlägt zu. Einige der Rädelsführer werden mit hohen Haftstrafen aus dem Verkehr gezogen, Onkel Józsi wird für unzurechnungsfähig erklärt und verschwindet in der Psychiatrie. Auch dort kommt es aber zu dem für diesen Roman charakteristischen Auf und Ab der Ereignisse und Gefühle. 

Bis zum trotz allem offenen Schluss, den Onkel Józsi zusammen mit Zsömle in Szene setzt, laviert Krasznahorkai in der zentralen Frage, ob der Alte nun wirklich der heimliche König oder doch nur ein alter Spinner ist.

Krasznahorkai vermengt geschickt reale Ereignisse und Personen mit der Lebensgeschichte von Onkel Józsi, sei es die Linie der Árpáden-Dynastie, sei es die Schauspielerin Zita Sceleczk, seine große, einwöchige Liebe oder seine Kinderfreundschaft mit dem späteren Tarzan-Darsteller Jhonny Weismüller.

Daher ist es im Verlaufe der Lektüre sinnvoll, immer mal wieder im Internet zu recherchieren, um Fiktion von Fakten trennen zu können, zudem lernt man so so auch einiges aus der ungarischen Geschichte.

Es ist sicher nicht zu weit hergeholt, in Onkel Józsi auch den zu sehen, der Ungarn den Spiegel vorhält. So wenn er in seiner Regierung „Stärke nicht durch Gewalt demonstrieren (will), sondern durch den Zwang, die moralischen Gesetze einzuhalten“. Die Herrschenden sollen „moralisches Vorbild“ sein. Stattdessen sieht er zu viele, die aufgrund ihrer Raffgier zum  „niederträchtigsten Verhalten fähig“ sind.

Man kann diesen Roman als politische Burleske lesen, als Komödie auf die Verworrenheit unserer Zeit, die alle möglichen Gewächse gedeihen und eine krude Anhängerschaft gewinnen lässt und ihn schmunzelnd und amüsiert, unterlegt mit einer gewissen persönlichen Sympathie und einem Schuss Mitleid für Onkel Józsi, zur Seite legen. 

Obwohl humorvoll geschrieben, eine solche reduzierte Lesart würde diesem Roman jedoch nicht gerecht.

Die Botschaft scheint mir im Kern sehr viel deutlicher, brutaler zu sein:

Der fruchtbare Boden nationalistischer Atavismen kann alle möglichen Gestalten, Gruppierungen und Ideensümpfe hervorbringen, kein Land  sollte sich davor sicher fühlen. Es gibt keine politische Dummheit, keine noch so absurd anmutende Verschrobenheit, die nicht ihre gläubige, ja fanatische und mit zunehmender Aussichtslosigkeit des Projekts zu allem bereite Anhängerschaft findet. Die Grenze zwischen gutmütigen Spinnern und der plötzlich aufflammenden Bereitschaft, es doch auch anders als friedlich zu versuchen, ist fließend.

Die Initialzündung zu diesem Roman dürfte der sogenannte Reichsbürgerprozess vor dem OLG Frankfurt gewesen sein. Denn der Hauptangeklagte, Heinrich XIII. Prinz Reuss, zählt zu den besten Freunden in Onkel Jószis illustrem und internationalen Freundeskreis: „Wir verstehen uns also in jeder Hinsicht gut, er will das Gleiche wie ich, doch seine Mittel sind andere, ich kann meine Mittel nicht mit seinen vergleichen“.

Dass es Krasznahorkai gelingt, trotz der politischen Konnotation so was wie persönliche, nicht politische Sympathie, Mitleid mit Onkel Józsi wachsen zu lassen, Uwe Johnson hat in seinen „Jahrestagen“ mal formuliert, es sei „Betroffenheit ins Gefühl geschmuggelt“ worden, sollte man nicht als verunglückten konzeptionellen Ansatz oder gar verklausulierte politische Nähe missverstehen, sondern als gute, da zu Differenzierung führende Literatur genießen.

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