Die Geschichte beginnt in einem Prager Antiquariat, in dem der namenlose Ich-Erzähler ein geheimnisvolles Buch in einer unbekannten Schrift entdeckt. Er will trotz mancher Warnungen der Sache auf die Spur kommen und gerät in einen Strudel sich überstürzender, phantastisch-irrwitziger Ereignisse, die mit Logik und Vernunft nichts mehr zu tun haben. Er verfolgt eine grüne, geheimnisvolle Tram auf ihren teils unsichtbaren Schienen auf dem Weg durch Prag und Umgebung; ein gefährliches Verkehrsmittel, denn wer einsteigt, bleibt verschwunden, es ist eine „Tram ohne Wiederkehr“. Er wohnt Messen in unterirdischen Kathedralen bei, fährt auf einem Skilift durch Wohnungen, entdeckt Geschäfte, die nachts ihre Auslagen für die Bewohner der „anderen Stadt“ wechseln, er trifft Menschen, die mehr in der anderen Stadt als im realen Prag zu Hause sind und nicht „so einfältig sind, die Wirklichkeit zu brauchen“. Er sinkt an Bord eines Schiffes in einer Schleuse in Wolkenkratzerdimensionen in die Tiefe, nimmt um 3h früh an einer philosophischen Vorlesung teil, gerät zwischen die Fronten der Auseinandersetzungen dieser anderen Gesellschaft…undundund… Dieser Roman handelt von der „Grenze unserer Welt“. Diese „ist nicht fern, sie liegt nicht am Horizont oder in den Tiefen; sie schimmert in nächster Nähe, an den halb dunklen Rändern unseres engen Lebensraums – aus den Augenwinkeln blicken wir ständig, ohne es zu merken, in die andere Welt“. Es geht darum, den selbstgezähmten Blick unserer Heimat, zugleich unser Gefängnis, über die „verachteten Ränder“ hinaus zu erweitern und uns nicht länger davor zu fürchten, „unser Leben innerhalb abgezirkelter Kreise zu verlassen“. „Richtiges Leben“ scheint erst dann möglich, wenn man „von der anderen Seite zurückkommt“. Die permanenten Grenzüberschreitungen werden für den Ich-Erzähler zur Herausforderung, entfalten aber auch ein Suchtpotential, dem er immer weniger entkommen kann. Er stellt sich zunehmend die Frage, wann er sich selbst in ein Trugbild verwandeln wird. Die selbst für phantastische Literatur aberwitzigen und sich verschachtelnden Geschichten können einen überfordern, manchmal hat man das Gefühl: Jetzt reicht´s! Vor allem aber scheint sich, beim Leser wie beim namenlosen Ich-Erzähler, ein Gefühl des Verlorenseins, des Pessimismus, der Negativität breitzumachen, denn trotz aller elektrisierenden Grenzerfahrungen, wirklich angenehm sind die meisten der Begebenheiten und Begegnungen ja nicht. Das Faszinierende scheint sich aus dem Irren, ja Abstoßenden, Riskanten zu ergeben. Und ein wirklicher Zugang in diese „andere Stadt“, ein Willkommen-Sein, scheint ja nicht möglich. Ja, mehr noch, der Erzähler muss bei seinen Ausflügen immer wieder um seine Freiheit, ja sein Leben kämpfen. Den erbitterten Kampf auf Leben und Tod mit einem Hai auf einer Kirchturmspitze gewinnt er gerade so. Dann bricht sich die Erkenntnis Bahn: Die „andere Stadt“ würde sich dem öffnen, der „wirklich aufbrach“: „Ich aber war noch immer nicht wirklich aufgebrochen. Wirklich geht nur derjenige fort, der alles hinter sich lässt, der mit einem Lächeln und leeren Händen der Dunkelheit entgegengeht und nicht an eine Rückkehr denkt. Wer beim Abschied mit der Rückkehr rechnet, verlässt seine Heimat nicht, selbst wenn er die weißen Städte tief im Dschungel betreten und auf dem Marmor ihrer Plätze ruhen würde: Seine Wege bleiben mit dem Geflecht der Ziele verbunden, die den Raum der Heimat formen, während sich die leuchtende Grenze der Fremde vor ihm zurückzieht“. Es dürfe nicht darum gehen, „die andere Stadt in die bekannte Ordnung zu pressen, sie in eine Kolonie der Heimat zu verwandeln und dadurch zu unterwerfen und abzuschaffen“. Er entschließt sich, „die Zukunft aus dem Netz meiner Pläne zu entlassen und sich der Macht des Weges zu ergeben“. Er wartet an einer Haltestelle auf die grüne Tram, sie kommt und er läuft auf sie zu. Wird er einsteigen? Prag ist eine wunderbare Stadt, deren Besuch zu jeder Jahreszeit lohnt. In Zukunft werde ich jedoch nicht mehr durch Prag schlendern können, ohne an die „andere Stadt“, das „andere Prag“ denken zu können. Ich werde nach der grünen Tram Ausschau halten, beim Gang über die Karlsbrücke auf die nächtliche Fütterung der in den Heiligenstatuen untergebrachten kleinen Elche warten und den Abend in der kleinen Bar im Sockel der Statuengruppe der HL. Barbara, Margarete und Elisabeth ausklingen lassen. „Die andere Stadt“ – nicht der einfachste, aber mit Sicherheit nicht der schlechteste Einstieg in die Literatur des Gastlandes Tschechien der Frankfurter Buchmesse 2026! Der „Magische Realismus“ in der Literatur ist offensichtlich nicht auf Lateinamerika begrenzt und mit Michal Ajvaz und seinem 1993 erschienen Buch gilt es einen interessanten Autor zu entdecken. Das Nachwort von Tomás Glanc enthält interessante Informationen und macht den Entstehungskontext des Buches für denkbare Interpretationen fruchtbar. Danke an den Allee Verlag für das Rezensionsexemplar!
THEATERPREMIERE: „Arendt. Denken in finsteren Zeiten“
„Freiheit hat ihren Preis“. Mit diesem Satz endet das Theaterstück: „Arendt. Denken in finsteren Zeiten“, das Premiere im „Freies Schauspiel Ensemble Frankfurt“ feiern konnte. Wir treffen Arendt wenige Monate vor ihrem Tod in einem ihrem Kopenhagener Hotel, wo sie ihre Dankesrede für die Verleihung des Sonning-Preises vorbereitet. Ihr „Jüdischsein“ war für Arendt immer eine der bestimmenden Dominanten in ihrem Leben. Dies spiegelt sich in den in diesem Stück von Rhea Leman verarbeiteten zentralen Phasen ihres Lebens. Ihre Flucht aus Deutschland, die Beteiligung an der Rettung jüdischer Jugendlicher und deren Ansiedlung in Palästina, ihr Aufenthalt und ihre Flucht aus Frankreich in die USA. Stationen und Verhaltensweisen, die auch teils (selbst)kritisch hinterfragt werden. Arendt befindet sich in einem permanenten Dialog mit ihrer Vergangenheit, auch ihr verstorbener Ehemann, Heinrich Blücher, ist Teil davon, aber auch Eichmann, der 1961 in Jerusalem hingerichtete Organisator des NAZI-Massenmordes an den Juden oder der Staatsanwalt im Eichmann-Prozess, Hausner. Am intensivsten ist der zeitlich dominierende (Schluß)teil des Abends, der sich mit „Eichmann in Jerusalem“, Arendts sicherlich kontroversestes Buch, auseinandersetzt. Dieses Buch, nicht zuletzt bekannt wegen des Untertitels „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, hatte international heftige Kritik, auch und gerade von bis dahin engen Freunden und Weggefährten ausgelöst. Ein spannender Abend. Die zwei Stunden vergehen wie im Flug. Um dieses Stück in seinen verschiedenen Facetten schätzen und „genießen“ zu können sind allerdings zumindest rudimentäre Kenntnisse vom Lebensweg Arendts und vor allem der Kontroversen über ihren „Eichmann in Jerusalem“ sehr hilfreich. Einen kleinen Kritikpunkt will ich nicht verschweigen. Das Herumgetänzel von Arendts verstorbenem Ehemann Blücher zu Beginn des Stückes nervt gewaltig und lenkt ab! Kann ersatzlos entfallen!