Den Hype um „Der Gott des Waldes“ hatte ich verpasst, wurde auf Moore aber neugierig und stieg jetzt mit „Der andere Arthur“, in den USA bereits 2012 erschienen, ein. Ich habe es nicht bereut. Arthur, in seinen 60ern, 250 Kilo Lebendgewicht, hat sein Elternhaus in Brooklyn seit zehn Jahren, seit dem entsetzlichen 9/11 nicht mehr verlassen: „Denn an jenem Tag hatte ich niemanden, den ich anrufen konnte, und niemand rief mich an. Schon daher wusste ich, dass ich von jetzt an nicht mehr aus dem Haus gehen musste“.  Seine absolute Einsamkeit am Tag der Tragödie wurde zur bestimmenden existentiellen Verlassenheitserfahrung. Sein Weg in die Einsamkeit begann aber schon früher. Bereits 8 Jahre vorher war er aus seinem Beruf als Uni-Dozent freiwillig ausgeschieden, da ihm zu Unrecht ein Verhältnis zu einer Studentin, Charlene, angedichtet wurde und er sich dem universitären Aufklärungsprocedere nicht ausliefern wollte. Finanziell aufgrund der anhaltenden Unterstützung seines ungeliebten Vaters unabhängig, zog er sich in sein nicht vorhandenes Privatleben zurück.  In Charlene erkannte er sich wieder, „unbeholfen und einsam“, eine Außenseiterexistenz. In diesem einzigen Sommer mit ihr war er „wohl zum ersten Mal in seinem Leben“ glücklich, und obwohl es nur eine platonische Beziehung war – Charlene war „sein Anker in der Welt“. Sie verschwindet ebenso schnell wieder aus seinem Leben, wie sie eingetreten war. Die anschließenden brieflichen Kontakte sind von beiden Seiten voller Unwahrheiten und Verschweigen und irgendwann bricht der Kontakt völlig ab. Arthur verkapselt sich immer mehr. Ab und an überfällt ihn die Sehnsucht nach der Welt da draußen, dann öffnet er das Fenster.  Er macht sich keine Illusionen über sein Dasein. Nach seinem Tod wird man „eine alte, fette Leiche finden und allein ein Berg vollgeschriebener Zettel wird ihnen verraten, dass es sich um ein menschliches Wesen handelt und dass dieser Mann seine eigene Geschichte hat“. So bedauernswert einem Arthur erscheint, so ist man ab und an doch von seinem andauernden Selbstmitleid und seiner verfressenen Antriebslosigkeit genervt und wünscht ihm mehr Eigeninitiative. Die andere Hauptfigur, Kel genannt, aber Arthur getauft, ist Charlens Sohn. Er steht kurz vor dem Highschool-Abschluss und ist ein hoffnungsvolles Baseball-Talent. Sein Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht und hinterließ eine dauernde Leerstelle bei Kel: „Meine früheste Erinnerung ist eine an meinen Vater, der auch Kel heißt. Unser Nachname ist Keller. Er hat mir seinen Namen gegeben und seinen Baseball, und als ich vier war, ist er nach Arizona gezogen und ich bin immer noch Kel Keller“. Kel lebt irgendwie zwischen zwei Welten, seine frühere Schule mit seinen Freunden musste er auf Drängen seiner Mutter für eine besser situierte Schule aufgeben. Aber auch dort erobert er sich seinen Platz. Aber trotz seiner Freunde, trotz seiner Mädchen, trotz seines sportlichen Erfolges, fühlt er sich abgrundtief einsam. Ihm fehlt eine Familie, „Menschen, die sich mit mir zusammen Sorgen machen“.  Charlene, seit Jahren krank und schwere Alkoholikerin, hat ihren Beruf aufgegeben und „wohnt auf der Couch“. Kel hat ein gespaltenes Verhältnis zu ihr: „Ich hasse sie, aber ich will ihr helfen“. Eine wirkliche Hilfe ist jedoch nicht mehr möglich. Eine verhaltene, schrittweise und mit vielen (Selbst)zweifeln sich vollziehende Veränderung ergibt sich für Arthur dadurch, dass Menschen und Aufgaben in sein Leben und seine Einsamkeit treten und ihn fordern. Zu seiner großen Überraschung meldet sich Charlene wieder, erzählt von ihrem Sohn und bittet Arthur, diesem bei seiner College-Bewerbung behilflich zu sein. Dies ist für Arthur die Bestätigung seiner Überzeugung, dass es eine „Überseele der Einsamkeit“ gibt, „etwas, das alle Einsamen dieser Welt miteinander verbindet“. Für Arthur eröffnet dieses lange ersehnte Lebenszeichen nicht nur den Erinnerungsweg zurück in die Vergangenheit, sondern auch die letztlich vergebliche Hoffnung auf eine Wiederannäherung. Für den erhofften Besuch seiner ehemaligen Studentin will er sein vernachlässigtes Haus auf Vordermann bringen und engagiert eine Reinigungskraft, die junge und resolute Yolanda. Sie vermag es, Arthur aus seiner Lethargie zu holen und zusammen mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Charlene sieht Arthur sein „Leben plötzlich auf fulminante Weise zu einem ekstatischen Traum“ erblüht und hat das Gefühl, „dass mein Leben noch mehr zu bieten hat als einen langsamen, schrittweisen Tod“. Diese Hoffnung hatte Charlene nicht mehr. In ihrem Suizid sieht sie nicht nur für sich eine Erlösung, sondern für Kel auch die einzige Chance, seinen eigenen Weg gehen zu können.  Nach dem Suizid seiner Mutter verliert Kel zunächst auch noch den Rest an Boden unter den Füßen. Als Konsequenz zerschlägt sich auch noch die erhoffte Baseball-Karriere. Aber er schafft es, mit Hilfe von Freunden, sich gleichsam am eigenen Schopf aus seiner Misere zu ziehen. Und die beiden Arthurs finden ihren mühsamen Weg zueinander. „Der andere Arthur“ ist ein berührendes Buch über zwei sehr unterschiedliche Menschen aus sehr verschiedenen sozialen Kontexten, deren Lebenswege sich immer stärker verkapseln und denen es schwerfällt, eine Membran zu finden, durch die Luft hereindringt und ein belebender Außenkontakt hergestellt werden kann. Es ist eine Geschichte über Verlassenheit, Einsamkeit, Selbstverkapselung, Sprachlosigkeit, das schmerzliche Begreifen zu spät verstandener Lektionen, das Bedauern über verpasste Chancen, über richtige und falsche Abzweigungen im Leben, Trauer und Reue über eigenes Verhalten, die Unmöglichkeit von Wiedergutmachung. Das alles könnte in eine ausweglos erscheinende Geschichte münden, tut es trotz aller Beklemmung und Traurigkeit über weite Strecken des Buches jedoch nicht. „Der andere Arthur“ ist vielmehr auch eine Geschichte von Hoffnung, ja „Erlösung“, trotz offensichtlicher Aussichtslosigkeit, der Möglichkeit neuen Beginnens. Die Befreiung aus der Selbstverkapselung ist ein mühsamer Prozess, der in aller Regel ohne Anstöße oder gar Hilfe von außen nicht gelingen kann. „Der andere Arthur“ ist der Aufruf, Nähe, wenn nicht zu suchen, dann doch zuzulassen. Aber auch die Aufforderung, Nähe zu geben. Beides kann sehr schwierig sein. Die Geschichte sensibilisiert für die Bedeutung von Zuwendung, gerade auch dann, wenn sie nicht leicht fällt oder zunächst  gar nicht gewollt scheint. Mir ist bei der Auseinandersetzung Arthurs und Kels mit sich selbst der Spruch des dänischen Religionsphilosophen Sören Kierkegaard in Erinnerung gekommen: „Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, aber es muss vorwärts gelebt werden“. Arthur im Rückblick auf seine Beziehung zu Charlene: „Wir hatten beide ganz allein zu Hause gesessen